Teil 1: Im Gespräch mit Ralf Rangnick

Teil 1: Im Gespräch mit Ralf Rangnick

Kaum ein anderer weiß mehr über Talente

Von Luca Wodtke

Ralf Rangnick hat trotz seiner großen Erfolge nie seine Wurzeln vergessen. Der „Professor“, wie ihn viele nennen, wurde in der Süddeutschen Kleinstadt Backnang geboren. Ein Mann, der einen Verein aus den unteren Ligen des deutschen Fußballs in kürzester Zeit in die UEFA Champions League geführt hat, weiß, wie man mit Talenten umgeht. Rangnick ist einer der größten Sportvisionäre unserer Zeit.

 

 
Wir sprachen über…
...seine Trainervorbilder
“Also als Vorbilder würde ich sie nun nicht ganz bezeichnen – lieber Trainer, die mich auf meinem Weg begleitet und inspiriert haben. Als Trainer musst du deinen eigenen Weg finden. Meine Trainerlaufbahn hat ja schon ganz früh angefangen, eigentlich schon mit 21, aber dann so richtig mit 25. Ich habe früh gemerkt, dass der damalige deutsche Fußball nicht das ist, was ich mir vorgestellt habe und das, wofür ich gerne stehen wollte als Trainer.

Deswegen blieb mir als jungem Trainer kaum etwas anderes übrig, als über den deutschen Tellerrand hinauszuschauen. In den 80ern war da vor allem Arrigo Sacchi mit dem AC Mailand, der damals schon mit kompletter Raumdeckung gespielt hat. Das war etwas anderes als diese für Deutschland typische gegnerorientierter Manndeckung. Sacchi war für mich ein wichtiger Orientierungspunkt.

Und dann gab es noch Valeri Lobanowski, den Trainer von Dynamo Kiew, die in meiner Heimatstadt gegen Viktoria Backnang gespielt haben. Lobanowski hat gezeigt, was es ausmacht, wenn eine Mannschaft wirklich ‘Pressing’ auf den Platz bringt und wie schwer, dass das Spiel für den Gegner macht. Nach diesem Spiel habe ich mir viele Trainingseinheiten von Dynamo angeschaut, wenn sie im Trainingslager in Ruit waren.

Zu diesen zwei Trainern, die meinen Weg auf jeden Fall beeinflusst haben, kommt noch Helmut Groß, mit dem mich bis heute eine enge Freundschaft verbindet. Wir haben in Stuttgart, Hoffenheim und bei RB Leipzig zusammengearbeitet.”

... den oft zitierten "Straßenfußball"
“Der Trainer lässt die Spieler bestimmen, auf welchem Level die einzelnen Komponenten trainiert werden und durch die Regeln „provoziert“ werden! Notwendig und hilfreich ist für den Trainer, dass er weiß, an welchen Schrauben er drehen muss, um „seine“ Spielphilosophie optimal zu entwickeln. Dabei sollte er genau wissen, wo er hin will und besser gar nicht eingreifen als die falschen „Anweisungen“ zu geben! Oder anders gesagt, er sollte sich auf die Spieler, deren Spiellust und Erfolgsgier verlassen. Im Hintergrund kann ja dann analysiert werden. Da kann ein Trainer dann bestimmte Werte festhalten und weiter verfolgen, falls er diese Entwicklung beobachten und fördern möchte.
Der Schlüssel der Beliebtheit des Straßenfußballs liegt in den Variationen, die zum Straßenfußball gehören. Das ganze steht im Motto: „Wiederholen ohne zu wiederholen!“

Alles was fordert und fördert sollte dann herausgeholt werden. Hierzu gehört Spaß, Spielwitz, Dynamik, Leidenschaft und Siegeswillen. Taktik und Strategie ergeben sich nebenbei im Wettkampf. Die Möglichkeiten des Straßenfußballs können mit wissenschaftlichen Mitteln, bis hin zur KI überwacht und begleitet werden. Besser aber, der Trainer kann sich auf seine Erfahrung und ein geschultes Auge verlassen.

Leider sind solche Trainer, die das können, relativ selten und auch nur mit viel Mühe und Geduld auszubilden. Ab und zu gibt es aber Ausnahmetalente, die schnell begreifen und nur Monate brauchen, wofür andere Jahre benötigen.”

... sein unglaubliches Auge für Talente
“Die Frage ist ja, wie und aufgrund welcher Faktoren erkennt man ein Talent. Dazu gehören auch eine gewisse Erfahrung und ein geschultes Auge. Ich möchte das mal am Beispiel Thomas Müller aufzeigen. Als Müller 16 oder 17 war haben nur wenige an seinen Karriereweg geglaubt. Aber jemand wie Helmut Groß oder mittlerweile auch ich, die über Jahrzehnte hinweg Karrierewege von jungen Spielern verfolgt haben, haben eine gewisse Erfahrung, um zu erkennen ob ein 16 oder 17-Jähriger mal das Zeug hat, später eine große Karriere zu starten. Es braucht auf jeden Fall ein geschultes Auge dafür. Bei Thomas Müller, der ja kein richtig guter Techniker oder Feinmotoriker ist, war es damals wie heute so, dass nur gewisse Trainer sehen, welche Stärken er mitbringt.

Eine Einschätzung ist aber immer subjektiv. Die Scouts in den Vereinen müssen früh erkennen, welche positiven Merkmale eines Talents auf die Mannschaft wirken und was aus ihm noch werden kann. Da gehört in erster Linie auch die Mentalität des Spielers dazu. Das ist, wie ich das gerne sage, das Talent der Persönlichkeit. Hier gibt es immer eine Chance auf Verbesserung, siehe das Beispiel Joshua Kimmich. Verantwortliche beim VfB Stuttgart woll mit 18 noch nicht einmal einen Kaderplatz in der zweiten Mannschaft geben wollten – das war der Grund, wieso es überhaupt eine Chance für Leipzig gab, Kimmich für zwei Jahre auszuleihen.”

... warum Talente immer jünger werden
“Natürlich gibt es Möglichkeiten, Spieler mit 15 oder 16 zu erkennen. Vor allem, weil Spieler einen früheren Karrierestart haben. Es ist inzwischen völlig normal, dass ein 17-Jähriger in der Bundesliga spielt, wenn man alleine mal an Jude Bellingham oder Giovanni Reyna bei Borussia Dortmund denkt. Es ist heutzutage nicht mehr ungewöhnlich, dass ein 17-jähriger Topniveau spielt. Es braucht aber halt eben Trainer, die erkennen was ein Spieler mal leisten kann, und die auch den Mut haben, einen jungen Spieler aufzustellen.”
… woher diese Entwicklung kommt
„Das hat sich in den letzten 10-15 Jahren verändert. Ich kann mich erinnern, als damals Mehmet Scholl Spieler bei Bayern München war. Der galt noch mit 25 als Talent. Man muss entscheiden, bis wann ein Spieler noch als Talent gilt. Für mich ist ein Spieler mit 21 kein Talent mehr. Mit 21 ist ein Spieler heute ausgereift. Timo Werner hatte mit 21 schon mehr als 120 Bundesliga-Spiele absolviert. Meiner Meinung nach ist ein Spieler mit 17 noch ein Talent, eventuell noch bis 19, aber danach kann man nicht mehr das Wort Talent benutzen. Denn die jungen Spieler sind heutzutage schon so gut ausgebildet durch die Akademien, dass sogar ein 17-Jähriger, wenn er körperlich völlig ausgewachsen ist, alle Voraussetzungen mitbringen kann, um ein vollendeter Spieler zu sein. Wenn man sich Bellingham oder Reyna mal auf dem Platz ansieht, sieht man Vollprofis. Das sind Athleten, die alle Anforderungen erfüllen und nur noch Trainer brauchen, die sie weiterentwickeln und ihnen vor allem die Chance geben, regelmäßig zu spielen. Diese Entwicklung hat schon in den letzten 10-15 Jahren stattgefunden. Der Fußball ist zu einer ganz anderen Sportart geworden. Wenn man sich nur mal die Zahl der gelaufenen Meter, vor allem der Sprints, anschaut, dann sieht man, dass der Fußball sich völlig verändert hat. Das bedeutet eben auch, das man den Wert der jungen Spieler, die diese körperlichen Voraussetzungen für den schnelleren Sport mitbringen, erkannt hat. Es ist nicht mehr wie vor 20 Jahren, als man dachte: “Ach, ja, der brauch jetzt erstmal Zeit. Der muss langsam herangeführt werden. Die älteren Spieler müssen es ihm erstmal beibringen wie der Beruf richtig funktioniert”. Vor 20 Jahren war ein 19 oder 20-Jähriger, der in der Bundesliga gespielt hat, eine absolute Ausnahme.“
… welche Rolle das Taktikverständnis heute spielt
„Taktikverständnis braucht vor allem erstmal der Trainer. Der muss entscheiden, wie er spielen lassen will. Die Spieler sind durch den Beruf des Fußballprofis, den sie an den Akademien gelernt haben, eigentlich vollständig ausgebildet. Dieser Lehrberuf des Fußballprofis, den es vor 20 Jahren noch gar nicht gab, entstand ja eigentlich erst mit den Akademien zur Jahrtausendwende. Heutzutage kriegt kein Profiverein mehr eine Lizenz ohne eine Akademie mit mindestens zwei hauptamtlichen Fußballlehrern. Und so kann man den Beruf des Fußballprofis von jung an erlernen.

Es ist heute eigentlich absolute Seltenheit, dass ein Spieler in der Bundesliga Karriere macht, wenn er nicht schon mit 13 bei einem der Bundesligavereine gespielt hat. Wenn man sich die deutsche EM-Mannschaft von 2016 anschaut, dann gab es nur einen einzelnen Spieler, der seine Jugend nicht bei der Akademie eines Profiklubs durchlaufen hat und dies war Jonas Hector. Das zeigt ja, dass der Beruf der Fußballprofis, inklusive dem Wissen “Wie ernähre ich mich? Wie lebe ich? Auf welche Faktoren kommt es an?”, zu einem Ausbildungsberuf geworden ist. Deswegen ist es eigentlich klar, dass ein 17-Jähriger, soweit er die richtige Mentalität hat und auf alles, was er gelernt hat achtet, bereit ist für Bundesliga-Fußball. Ob diese jungen Spieler später die Chance kriegen liegt daran, ob die Trainer den Mut haben, sie spielen zu lassen.

In Deutschland ist es schon so, das viele junge Spieler spielen dürfen. Schwieriger ist es für junge Spieler in Italien, da hier noch oft Ex-Profis die Trainer sind und diese ihre Jugendspieler so sehen wie sie damals selber ausgebildet worden sind. Das ist natürlich heute nicht mehr realistisch. Deshalb ist es leider in Italien auch selten, dass ein 19 oder 20-jähriger Stammspieler ist. Meistens spielen sie nur in den kleineren Vereinen. In den Top-Ligen der Welt ist es so, dass in Deutschland die größte Anzahl von jungen Spielern debütieren. In England werden es jetzt mehr, vor allem dank den ausländischen Trainern bei den Top-Klubs.

Es gibt dazu noch eine ganz interessante Geschichte: von den acht Mannschaften im Viertelfinale der Champions League 2018 hatten 180 von den 200 Spielern mit 17 Jahren bereits ausschließlich Männer Fußball gespielt und waren nicht mehr in Jugendmannschaften, obwohl sie theoretisch noch zwei Jahre in der U19 hätten spielen dürfen. Dies bestätigt das, was ich gesagt habe: Der Verein muss dafür sorgen, dass diese Ausnahmetalente mit 17 schon Männerfußball spielen können.“

Teil 2: Das  Gespräch mit Ralf Rangnick finden sie hier auf unserem Blog!

Jürgen Klinsmann: „Lass es – du brichst dir das Genick“

Jürgen Klinsmann: „Lass es – du brichst dir das Genick“

Jürgen Klinsmann hat den FC Bayern am 14. November 1987 volley erwischt, rücklings und horizontal. Als Akrobat schööön ist der Stuttgarter Kunstschütze in die Luft gegangen – und nach seinem historisch wertvollen Fallrückzieher fast im Wassergraben der Cannstatter Kurve ertrunken, so besoffen war er vor Glück.

Der Ball fliegt von rechts in den Strafraum, und Jean Marie Pfaff spürt sofort: keine Gefahr. Der Flanke des VfB-Verteidigers Günther Schäfer fehlt es an der nötigen Schärfe, schlaff segelt sie in Richtung Bayerntor, in einem viel zu hohen Bogen.
„Soichboga“, sagen dazu wir Schwaben.

Jean Marie Pfaff ist der Torwart des FC Bayern. Der Belgier gehört in seinem Job zu den Besten, aber vor allem ist er ein alter Hase und weiß: Mit dieser schwindsüchtigen Hereingabe fängt kein Stürmer was an. Seelenruhig lehnt er sich deshalb in Gedanken an den Pfosten und wirft zum VfB-Torjäger Jürgen Klinsmann einen mitleidigen Blick hinüber. „Lass es“, sagt dieser Blick, „du brichst dir das Genick.“

Klinsmann lauert in Erwartung des Balles auf Höhe des Elfmeterpunkts, und auch er weiß sofort: Einen Kopfball kann er vergessen, aussichtslos. Neben Klinsmann steht der Bayernverteidiger Hansi Pflügler, der ebenfalls lange genug im Geschäft ist, um die Harmlosigkeit einer Flanke einschätzen zu können. Pflügler schaltet ab, er sieht völlig unbesorgt aus, ja fast desinteressiert. Oder ist er einfach nur paralysiert in Erwartung des Unfassbaren, das da gerade in der Luft liegt? Wenn man fast ein halbes Leben später die VfB-Vereinschronik „Stuttgart kommt“ liest, ist sein Verhalten dort so verewigt: „Pflügler hat ein ehrfürchtiges Päuschen eingelegt, als wolle er einem historischen Moment seine Referenz erweisen.“

Es ist der historische Moment des Torjägers Klinsmann. Er ist einer von denen, die eine Flanke nicht abhaken, solange der Ball noch fliegt. Er ist kein normaler Stürmer, er ist hungriger und gefrässiger, er kickt und tickt anders als die meisten anderen, und wenn er an einen Ball mit dem Kopf nicht mehr rankommt, macht er halt etwas Kopfloses. Auf Befehl seines Vollstreckerinstinkts biegt sich Klinsmann also geschwind um die halbe Achse, er hebt ab und legt sich in die Horizontale, mit dem Rücken zum Gras, und dann klappt er sich aus wie eine Schere. Das linke Bein zuckt nach unten, das rechte schnalzt gestreckt nach oben, und volley und mit Vollspann drischt Klinsmann den Ball in der nächsten Sekunde unter die Bayern-Torlatte in der Cannstatter Kurve, während er als Hans-guck-in-die-Luft in die entgegengesetzte Richtung nach Untertürkheim schaut. Fassungslos meldet der Lautsprecher: „1:0 für den VfB.“

„Zugabe!“, brüllen die Siebzigtausend im Neckarstadion.

So eine Zirkusnummer haben die Fußballschwaben noch nie erlebt, die Bayernfans schweigen in ihrer Anteilnahme ergriffen, und der Torwart Pfaff und der Verteidiger Pflügler starren sich wortlos an. Ob sie sich anschließend von Klinsmann ein Autogramm geholt oder in Cannstatt die Kirchenglocken geläutet haben, lässt sich im nachhinein nicht mehr zweifelsfrei ermitteln. Aber die Uhren sind auf jeden Fall um 15.49 Uhr stehengeblieben an jenem denkwürdigen 14. November 1987, als Jürgen Klinsmann in der 18. Minute gegen den FC Bayern nachwies, dass man ein Tor notfalls auch so schießen kann.

Erstmals urkundlich erwähnt ist diese hochkomplizierte Abart des Torschusses in verstaubten Schriften aus dem Jahr 1914, einem Chilenen namens Ramon Unzaga soll das Kunststück seinerzeit unfallfrei gelungen sein. Aber egal, wie der Gaucho es damals gemacht hat: Der Fallrückzieher von Klinsmann war zweifellos faszinierender, er war großes Kino, spontan denkt jeder Augenzeuge an die berühmte Filmkomödie „Akrobat schööön“. In Dauerschleife hat das Fernsehen das Wundertor danach wiederholt, vorwärts und rückwärts, mit faszinierenden Zeitlupenbildern und oft genug unterlegt mit heißer Rockmusik, jedenfalls wusste die ARD-Sportschau endlich, warum sie die Wahl zum „Tor des Jahres“ erfunden hat. Es sind nicht die Nullachtfuffzehntore, die sich der Fußball in die Gedenksteine meißelt, sondern die unnachahmlichen. Das Publikum sehnt sich nach dem ästhetischen Hochgenuss der ultimativen Hexereien, bei denen der Akrobat die Genialität mit dem Wahnsinn verknüpft und den Verstand durch den Instinkt ersetzt.

„Ich weiß nie“, gesteht Jürgen Klinsmann nach dem verrücktesten Tor seiner Karriere, „was ich im nächsten Moment mache.“
Seine Idee mit dem Fallrückzieher fanden jedenfalls alle gut, mit Ausnahme aller Münchner. Der VfB hat sie an jenem stimmungsvollen Samstag dann nämlich vollends aus den Schuhen geschossen, 3:0 hieß es am Ende – und um sich eine Wiederholung des demütigenden Moments für alle Zeiten zu ersparen, haben die Bayern dem Klinsmann dann später die Geldpistole auf die Brust gesetzt und ihn sicherheitshalber gekauft.

Allerdings haben sie dabei einen Aspekt fürchterlich unterschätzt: Klinsmann ist Schwabe. Also hat er die Bayern auch dann noch geärgert, als sie dachten, er sei jetzt einer von ihnen. Vermutlich ist er mit dem „Mir-san-mir“-Blabla beim FC Hollywood nicht ganz klar gekommen, oder die Luft wurde dick, wenn er als Bayernstürmer gelegentlich den Eindruck erweckte, dass er seinen Mitspieler Lothar Matthäus für einen Maulwurf der „Bild“-Zeitung hielt. Jedenfalls hat er die Bayern mit seinem schwäbischen Steißbein manchmal derart vor den Kopf gestoßen, dass die Hausfrau Ruth H. vom Tegernsee eines Tages bei ihrer Zeitung anrief und grantelte: „Der Klinsmann, der hinterfotzige Lümmel, gehört raus.“ Einmal hat der Sauschwob, als er mitten im Spiel ausgewechselt wurde, hinter der Seitenlinie auch noch im Jähzorn ein Loch in eine Werbetonne getreten – und die nächste Tonne, in die er um ein Haar ein Loch gestaucht hätte, war dann Uli Hoeneß.

Das war bei Klinsmanns zweitem Kapitel in München, als Bayern-Trainer. Auch das ist nicht ganz friedlich verlaufen, jedenfalls hat der Bayern-Präsident Hoeneß am En de gekocht vor Frust und über Klinsmanns „Mannschaftssitzungen mit Powerpoint-Präsentation“ garstig gelästert: „Da haben wir für zigtausend Euro Computer gekauft. Da hat er den Profis in epischer Breite gezeigt, wie wir spielen wollen. Wohlgemerkt: wollen“. Klinsmann Nachfolger Jupp Heynckes dagegen, schäumte Hoeneß, benötige nur „einen Flipchart und fünf Eddingstifte, mit denen er die Aufstellung des Gegners auf die Tafel malt. Da kostet einer 2,50 Euro. Mit Heynckes gewinnen wir Spiele für 12,50 Euro und bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben.“ Vermutlich hätte ihn auch Hoeneß am liebsten als hinterfotzigen Lümmel beschimpft, den wir Schwaben ihm als trojanisches Pferd in den Stall eingeschleust haben, um die Bayern zu untergraben.

Selbst schuld. Denn eigentlich hätte Hoeneß, zumal als gebürtiger Ulmer, schon an jenem historischen Novembersamstag 1987 merken müssen, dass Klinsmann ein unbestechlicher Schwabe ist, mit dem Herz auf dem richtigen Fleck, auf Höhe des Brustrings. Wer zwei Augen im Kopf hat, sagen alle Gefühlsforscher, konnte bei diesem Fallrückzieher doch sofort sehen, was los ist: Die Gnadenlosigkeit, mit der Klinsmann auf Kosten der Bayern vollstreckt, wie er danach brüllend losrennt, am rechten Pfosten vorbei hinters Tor, betrunken vor Glück stürzt er dann in der Cannstatter Kurve fast in den Wassergraben, fällt auf die Knie, schlägt die Hände vors Gesicht und geht mit seinen Gefühlen Gassi. „Ich habe“, sagt er hinterher, „weitergespielt wie in Trance.“
So ein Fallrückzieher ist das Höchste der Gefühle, in solchen Momenten erfüllt sich für den Schützen ein Kindheitstraum. Ein Tor kann ergaunert sein, mithilfe der Hand Gottes erzielt oder aus dem Abseits, es kann ein absurdes Elfmetertor nach einer schäbigen Schwalbe sein oder ein billiger Abstauber – das wahre Glück ist der Fallrückzieher.

Sein Denkmal hat sich Jürgen Klinsmann damit gesetzt. Noch in hundert Jahren, wenn er nicht mehr rücklings sechs Fuß über dem Strafraum liegt, sondern sechs Fuß unter der Erde, wird als Kunstschütze das Kapitel 1 in jeder Gebrauchsanweisung für Fallrückzieher sein – auf jeden Fall aber werden die Überlebenden unter den Siebzigtausend im Neckarstadion bis zu ihrem letzten Atemzug von seinem Hexenwerk schwärmen, ihren Enkeln diese Geschichte hier vorlesen und mit glänzenden Augen sagen: „Ich war dabei.“

Guido Buchwald: „Hallo, Diego!“

Guido Buchwald: „Hallo, Diego!“

Guido Buchwald hat die Blauen in Degerloch und die Roten in Cannstatt stolz gemacht. Seit dem 8. Juli 1990 trägt er den Künstlernamen „Spätzles-Maradona“ – denn im WM-Finale in Rom hat er den echten Maradona verfolgt und in den Wahnsinn getrieben, bis der Argentinier stöhnte: „You again? Du schon wieder?“

Die Saturn V war die Startrakete bei den Apollo-Flügen auf den Mond, und die Gefühle, die sie damals ausgelöst hat, ähneln denen jedes fußballverrückten Buben – denn auch dessen Träume erfüllen sich dreistufig.

“Zunächst einmal“, erinnert sich Guido Buchwald an seine Kindheit als Dreikäsehoch in Walddorfhäslach, “träumst du davon, Profi zu werden. Danach willst du Nationalspieler werden. Und dann Weltmeister.” Der strebsame Schwabe hat sogar noch die vierte Stufe geschafft: Am Ende nannten ihn alle Diego.

Doch bevor wir hier erzählen, wie Buchwald sich seinen Traum erfüllt hat und zum „Spätzles-Maradona“ wurde, haken wir erst einmal die Kehrseite ab: den Albtraum des echten Diego. Am 8. Juli 1990 im WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien im Olympiastadion in Rom ist er dem Göttlichen widerfahren, und von Minute zu Minute wurde die Qual unerträglicher. “Am Anfang war er noch gut drauf“, weiß Buchwald, “aber dann wurde er immer gereizter.”

Diego Maradona wurde zum Opfer der üblen Laune. Der Argentinier war der größte Fußballer seiner Zeit, trotz seiner nur Einssiebzig mit Stollen, doch im Lauf des Spiels, berichtet sein schwäbischer Peiniger, “ist er immer kleiner geworden.” Und irgendwann, nach einem weiteren verlorenen Zweikampf, hockte der entzauberte Magier am Boden, schüttelte den Kopf – und nie, grinst Buchwald, wird er diesen Anblick vergessen, als der kleine, große Gaucho sein komplettes Englisch zusammenklaubte und resignierend zu ihm hochstöhnte: “You again?” Du schon wieder?

Mehr Kapitulation geht nicht. Kampfunfähiger hat auch Joe Frazier nicht dreingeschaut, als er anno `75 beim „Thrilla in Manila“ gegen Muhammad Ali auf seinem Pausenhocker sitzenblieb. Doch der Ritterschlag, lacht Buchwald, war dann vollends, “als der ARD-Reporter Rubenbauer im Fernsehen rief: Unser Diego!“

Der wahre Urheber des Kosenamens war allerdings, Ehre, wem Ehre gebürt, ein anderer Bayer: Klaus Augenthaler, der deutsche Abwehrchef. Vor der WM damals, im Trainingslager, schlenzte Buchwald dem einmal den Ball filigran durch die Beine, und Augenthaler blieb die Spucke weg, und er schrie: “Hallo, Diego!“ Durch das WM-Finale, sagt Buchwald, habe sich das geflügelte Wort “dann vollends verfestigt“ – und wenn er heute, ein halbes Leben später, in Stuttgart spazieren geht, kommt es vor, dass von der anderen Straßenseite wildfremde Menschen rufen: “Hallo, Diego!”

“Verdammt lang her” kann man da mit Wolfgang Niedecken und BAP nur singen, doch Buchwald sieht immer noch aus wie damals in Rom – fit wie ein Turnschuh kommt er daher, beim Aufstehen braucht er noch keinen Kran, man muß ihm noch kein Affenblut und keine Ameisensäure gegen die Gicht spritzen, er riecht nicht ranzig, wirft keine Falten und steht glaubhaft Modell für die These in `Wikipedia`: “Er gilt als einer der besten Defensivspieler der deutschen Fußballgeschichte.”

Auf jeden Fall ist Buchwald einer der ewigen Volkshelden des deutschen Fußballs, seit er den Größten zum laufenden Meter schrumpfen ließ. Auch sein Gedächtnis ist noch bestens intakt, und die Erinnerungen an das damalige WM-Camp des DFB in Erba am Comer See: „Es war wie ein Schlössle, und mein Zimmer würde ich heute noch finden, Nummer 14. Auch die Stimmung war klasse, der Teamchef hat uns an der langen Leine geführt. Gehts ruhig mal raus, hat der Franz gesagt. Das Essen beim Italiener im Dorf, der schöne See, das tolle Wetter, wir haben alles genossen.“

Vor allem er.

Bis dahin galt Buchwald als langer Eckiger und als nimmermüdes Laufwunder, rustikaler Ärmelhochkrempler, Wachhund, Wasserträger, Balleroberer und Zerstörer, notfalls hätte er auch einen Flugkopfball gegen die Bordsteinkante gemacht, aber er konnte wesentlich mehr. Einmal, als gegen Holland das deutsche WM-Glück auf des Messers Schneide stand, tauchte er plötzlich im gegnerischen Strafraum auf. Gleich bricht er sich das Bein, dachten alle, doch stattdessen: Übersteiger, Zuckerpass zu Jürgen Klinsmann, einsnull.

Der Blaue zum Blauen, jubelte daheim ganz Degerloch, während Cannstatt stolz war auf seine VfB-Helden. Klinsmann war mittlerweile zwar bei Inter Mailand tätig, aber das Tor schoss er als Schwabe. Und Buchwald machte im Endspiel dann Maradona platt und wurde zum besten Sechser der Welt. “Guido war der wichtigste Spieler des Turniers”, sagte Beckenbauer, “er war sieben Mal Weltklasse.”

Ausgerechnet Buchwald. Vier Jahre zuvor, vor der WM 1986, hatte der Teamchef den Schwaben in der Sportschule Kaiserau im letzten Moment aussortiert. “Als er auf mein Zimmer kam, ist die Welt in mir zusammengebrochen”, erinnert sich der Verschmähte. “Man hört da gar nicht mehr zu, man ist einfach nur fertig.”

Hat Beckenbauer es später bedauert?

“Seine Frau hat zu meiner jedenfalls einmal gesagt: Es tut dem Franz leid.”

Heute kann Buchwald darüber lachen. Das Glück hat bei ihm halt vier Jahre länger gebraucht – aber nach dem Finale in Rom hat er sich bei Beckenbauer dann doch mit dem neckischen Piekser revanchiert: “Weltmeister hättest Du mit mir auch 1986 schon werden können.“

Ja, sie hätten ihn schon da dringend gebraucht, in jenem ersten WM-Finale gegen Argentinien in Mexiko City. Denn Maradona war zu der Zeit schier unbremsbar mit dem Allmächtigen im Bunde, der hielt die “Hand Gottes” über ihn, und ein Kritiker schwärmte: “Er ist der Picasso unter Anstreichern.” Entsprechend endete das WM-Finale: Maradona zu Burruchaga, 2:3, kurz vor Schluss, ins Messer sind die Deutschen gelaufen. „Wir hätten einfach in die Verlängerung gehen und dort unsere körperlichen Vorteile ausspielen sollen”, ärgert sich Vorstopper Karlheinz Förster als VfB-Beteiligter heute noch. Aber noch besser wäre es gewesen, Buchwald schon damals dabei zu haben.

Noch ein zweites Mal ist Maradona dem Zugriff Buchwalds glücklich entkommen, 1989 im UEFA-Cupfinale zwischen dem VfB und Neapel. Im Hinspiel sah Buchwald gelb und war im Rückspiel gesperrt. Aber im Jahr darauf, beim WM-Finale in Rom, war das Glück des Argentiniers aufgebraucht. „Dein Mann ist die Nummer 10”, sagte Beckenbauer vor dem Spiel zu Buchwald. Und basta.

Für Maradona war es ein grausamer Tag. Mehr als 30 000 deutsche Schlachtenbummler schlängelten sich in Karawanen über die Alpen, und im Olympiastadion in Rom gesellten sich dazu noch die einheimischen Tifosi, denn die Argentinier hatten im Halbfinale die Träume der Italiener zerstört. Buchwald: “Auf dem Weg ins Stadion hingen überall deutsche Fahnen aus den Fenstern”. Das Publikum stand unter Starkstrom, als gelernter Elektriker weiß Buchwald, wovon er da spricht – aber vor allem er war heiß. “Es war”, sagt er, “das wichtigste Fußballspiel meines Lebens. Vizeweltmeister war Deutschland oft genug geworden, das musste nicht wieder sein.”

Also hat er Maradona aus dem Spiel genommen, der beste Fußballer der Welt konnte sein würziges Süppchen nur auf Sparflamme kochen. Und Andy Brehme, der spätere Co-Trainer des VfB, erledigte per Elfmeter vollends den Rest. Nur einen Zweikampf hat der glorreiche Guido an dem Abend verloren, den gegen Frank Mill, der sich nach einem Sprint von der Ersatzbank Maradonas Trikot schnappte. Für Buchwald blieb als Skalp das Hemd von Jose Basualdo, seinem damaligen Mittelfeldkumpel beim VfB.

Wo ist das heute?

“Ich weiß nicht, vielleicht in einem Koffer auf der Bühne.“

Und Ihre Endspielstiefel, die Großes vollbrachten: Im Museum?

“Keine Ahnung”, sagt Buchwald.

Ach, was könnte er ohne seine falsche Bescheidenheit für heldenhafte Geschichten erzählen. Aber als stiller Schwabe und leiser Genießer hat er sich nie ein Schild vor die Brust gehängt, auf dem steht: Guido Buchwald, Weltmeister. Nach dem Finale ist aber auch er kurz steil gegangen, “da haben wir in Rom die Nacht zum Tag gemacht, und unsere Frauen mussten schauen, dass wir morgens den Bus zum Flughafen nicht verpassten.” Das große Gefühl, Geschichte geschrieben zu haben, möchte Buchwald nicht missen – aber eine Zeit lang, sagt er, war sein Kampf gegen den Ruhm nicht viel einfacher als sein Zweikampf mit Maradona.

“Man ist Weltmeister und steht voll im Focus. Vorher war man ein normaler Mensch, der Jeans trug, und plötzlich wird man genau beobachtet: Was hat er an? Ich konnte mich nicht mehr frei bewegen.” Einmal, er vergisst es nie, ging er mit der Frau und den Söhnen Yannick und Julian auf der Königstraße in Stuttgart spazieren. Autogrammjäger bestürmten ihn, und er schrieb und schrieb – bis dem kleinen Julian irgendwann der Kragen platzte: “Du bist doch mein Papa”, rief der Bub zornig, “und nicht der Papa von denen!”

Aber so ist das halt, wenn der Papa auf dem Mond des Fußballs landet, plötzlich Weltmeister ist und alle Diego sagen. Als deutscher A-Jugendmeister mit den Kickers war Buchwald noch einfach der Guido, aber am Ende hat er alle vier Stufen gezündet und ist mit dem VfB nicht nur 1984 Deutscher Meister geworden, sondern hat die Roten in der letzten Minute der Saison 91/92 in Leverkusen auch nochmal persönlich zum Titel geköpft. Als abschließende Stufe fehlt jetzt nur noch ein Bildhauer, der in sein Denkmal die passenden zwei Worte hineinmeißelt: „Hallo, Diego!“

Philipp Lahm: „Hör jetzt gut zu, Felix, ich hab Dir da einen“

Philipp Lahm: „Hör jetzt gut zu, Felix, ich hab Dir da einen“

Philipp Lahm ist als Turnierdirektor der EM 2024 nirgends so herzlich willkommen wie in Stuttgart. Unter allen Beute-Schwaben ist der Bayer der Berühmteste: Womöglich hätte seine Karriere als Weltstar ohne den VfB nie begonnen – genauer gesagt: ohne diesen Telefonanruf im Mai 2003.

Im Mai 2003 griff Hermann Gerland aufgeregt zum Telefon. Viel hat nicht gefehlt, und er hätte die „911“ angerufen.

Jedenfalls war es ein Notruf.

Gerland trainierte seinerzeit die zweite Mannschaft des FC Bayern, und das Schicksal eines seiner Spieler brachte ihn schier um den Schlaf. Der junge Mann war neunzehn, die Bayern trauten ihm den großen Sprung noch nicht zu, aber Gerland spürte: „Es wäre eine Schande gewesen, wenn er weiter in der Regionalliga hätte spielen müssen.“

Zur Klarstellung: Gerland war keiner, der ein Talent vorschnell mit den höheren Weihen verwöhnte. Grundsätzlich war er eher ein skeptischer Grantler, einmal entfuhr ihm sogar der Satz: „Von den heutigen Profis traut sich im Dunkeln keiner mehr auf die Straße.“

Aber dieser Neunzehnjährige war anders. Das war einer wie er, und wie der Bundesligaverteidiger Gerland früher war, beschreibt der Extorjäger Jupp Heynckes in der Erinnerung mit Grausen: „Die offenen Wunder am Schienbein habe ich immer noch.“ Man nannte Gerland den „Tiger“, er war bissig und hungrig – und als er als Trainer jetzt sah, dass dieser Neunzehnjährige darüber hinaus auch noch richtig Fußball spielen konnte, bot er ihn quer durch die Bundesliga an. Er holte sich von den vielen Absagen fast ein wundes Ohr – bis er an Felix Magath geriet, der damals den VfB trainierte.

„Hör jetzt gut zu, Felix“, sagte Gerland, „ich hab Dir da einen.“

Magath wusste: Der Tiger lügt mich nicht an. Sie tickten auf einer Wellenlänge, sie liebten beide den Medizinball als Trainingsinstrument, und als Gerland erzählte, dass der junge Mann auch noch einen starken Charakter hat, vergaß Magath den bettelarmen Zustand des VfB und ging mit dem Hut sammeln, um die cirka 100 000 Euro Leihgebühr zusammenzukratzen. So fing im Sommer 2003 die Karriere des Philipp Lahm an.

Die Folgen sind bekannt: Bester Verteidiger der Welt, Weltmeister, Klub-Weltmeister, Champions-League-Sieger, achtmal Deutscher Meister, sechsmal DFB-Pokalsieger, Fußballer des Jahres, Kapitän der Nationalmannschaft, 113 Länderspiele, 385 Bundesligaspiele. Andere sind jedes Jahr ein paar Wochen lang Klasse, aber Lahm war Woche für Woche Klasse, Spiel für Spiel. Hinten war er ein Wadenbeißer und weiter vorne ein Virtuose am Ball, er war Verteidiger und Außenstürmer, und die Kalklinie hat gestaubt, wenn er sich beim Auf und Ab da draußen am Flügel ständig unterwegs selbst begegnete.

„Er ist der intelligenteste Spieler, den ich je trainiert habe“, behauptet Pep Guardiola, und der Spanier hat immerhin Lionel Messi trainiert – dass er den späten Lahm beim FC Bayern dann auch noch zum Spielaufbauer im zentralen Mittelfeld machte, war vollends der Ritterschlag.

Lahm zieht auch heute noch die Fäden, inzwischen als Turnierdirektor der EM 2024. „Wir wollen“, sagt er, „ein Fest veranstalten, das einen Aha-Effekt hat.“ Das WM-Sommermärchen von 2006 will er wiederholen, und um das Wir-Gefühl und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wiederzubeleben, krempelt er wie seinerzeit die Ärmel hoch, spuckt in die Hände und ruft in Richtung Nationalmannschaft: „Es muss wieder in die Köpfe der Spieler, dass sie ihr Land vertreten und als verschworene Einheit auftreten.“ Das hat er in den letzten Jahren vermisst – „dass sich einer für den anderen auf dem Platz aufopfert.“

Voller Wehmut erinnern sich an Philipp Lahm alle Fußballdeutschen – und voller Wehklagen seine Gegenspieler.

Fragen Sie Nuno Capucho. Der Portugiese befand sich bei den Glasgow Rangers in der Blüte seines Stürmerlebens, als er auf den jungen VfB-Lahm traf. In der Champions League war das, früh im neuen Jahrtausend, und für Capucho wurde der Abend zum Albtraum. Da hatte er jahrelang die besten Verteidiger der Welt vernascht, sie schwindlig gedribbelt, sie gemütskrank gespielt, aber um Lahm kam er kein einziges Mal herum. Wenn Capucho ausholte, um aufs VfB-Tor zu schießen, war der Ball immer schon weg – und der kleine Lahm damit auf und davon.

In der üppigen VfB-Geschichte ist kein Rechtsfüßler urkundlich erwähnt, der an der linken Kalklinie mit dem falschen Bein auch nur annähernd so gut zu Fuß war wie Lahm. Erstaunlich war seine Ballsicherheit und Übersicht, selbst in höchster Bedrängnis brachte er die Kugel noch durch die hohle Gasse zum Nebenmann. Und wenn jeder gewettet hätte, dass Lahm gleich einen Haken nach innen schlägt, um mit rechts zu flanken, machte er stattdessen seinen Bauerntrick, wuselte außen vorbei bis zur Torauslinie – und alles mit links.

Auf der verkehrten Position musste Lahm anfangs noch spielen, aber im Kopf stimmte von vornherein alles. Einmal war er im ZDF-Sportstudio und erzählte, dass er nicht zu denen gehört, die einen Hofstaat aus Beratern beschäftigen. „Mir helfen“, sagte er, „zwei Freunde.“ Andere Jungstars ließen sich längst fernsteuern von Ratgebern aller Art, die ihnen beim Vertragspoker auch noch Schlechtwettergeld und ein beheizbares Trikot herausholten, aber Lahm war Lahm. Er entsprach nicht dem Klischee des verwöhnten Jungdotters unter den Weicheiern.

Kurz: Er war genau der Richtige für den VfB, der sich zu der Zeit nur angehende Weltmeister leisten konnte, die nichts kosten. Jedenfalls war er einer der Fälle, in denen der VfB die Fehler, die sich der FC Bayern in jedem Jahrzehnt einmal erlaubt, brutal ausnutzt. 1984 hießen diese Fehler Sigurvinsson und Niedermayer, und 1992 war es der kleine Kögl, der als Trickerl-Wiggerl alles schwindlig gekögelt und am Ende der Saison den Ball noch an die Birne von Buchwald gezirkelt hat – und, batsch, war der VfB wieder Deutscher Meister.

Diesmal also Lahm. Zwei Jahre war er da, ehe die Bayern ihren Fehler rückgängig machten. Meister ist der VfB zwar nicht ganz geworden, aber für Champions League-Feste hat es gereicht, und der Hochbegabte startete senkrecht durch, vorbei an allen Bedenkenträgern und Zweiflern, oder sagen wir es mit Gerland: „Für einige war er zu leicht.“

Und der Längste war Lahm ja auch nicht. Es war später immer wieder ein witziges Bild, wenn die Fernsehkamera bei der Nationalhymne plötzlich vom Torwart Neuer mit einem ruckartigen Schwenk zwei Köpfe tiefer ging, hinunter zum DFB-Kapitän Lahm, der dort mit Hingabe sein „Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland“ vor sich hingeschmetterte.

Die Kleinen haben, so dicht über der Grasnarbe, kein leichtes Leben. Humphrey Bogart hat sich früher eine Sprudelkiste oder das Telefonbuch von New York unter die Füße schieben lassen, um in „Casablanca“ zu Ingrid Bergman sagen zu können: „Schau mir in die Augen, Kleines“. Und oft genug hört man fragwürdige Scherze. Kennen Sie den? Die deutschen Exweltmeister Hässler, Littbarski und Thon, alle um die Einssechzig, klettern auf einen Barhocker. „Drei Kurze“, sagt Litti. Darauf der Wirt: „Das sehe ich. Und was wollt ihr trinken?“

Die Kurzen rächen sich dann auf ihre Art: Als Charlie Chaplin, Woody Allen, Frank Sinatra und Dustin Hoffmann nicht mehr wuchsen, beschlossen sie, Weltstar zu werden. Und die Fußballer zeigen, dass in der Kürze die Würze steckt, indem sie Weltmeister werden, siehe Maradona, Messi und Lahm. Der hat sich, wenn es um die Wurst ging, die hohen Stollen unter die Stiefel geschraubt und ist über sich hinausgewachsen mit der Devise: Je kleiner der Kerl, desto größer der Ehrgeiz.

Philipp Lahm hat sich nie unterkriegen lassen. Er ist den gewaltigsten Riesen über den Kopf gewachsen und kann sich eines fernen Tages getrost in den Grabstein meißeln lassen: „Er war schmächtig, aber mächtig.“ Sein Zeuge ist Michael Ballack. Der war in der Nationalmannschaft jahrelang der hünenhafte „Capitano“, aber als er sich vor der WM 2010 verletzte und im Gipskorsett lag, war Lahm sofort bereit für die Machtergreifung, Viele dachten spontan an den einstigen Nationallinksaußen Dieter Eckstein, der beim 1. FC Nürnberg unter drei cirka einsfünfundsechzig großen Präsidenten gespielt hatte und fortan behauptete: „Die Kurzen mit den hohen Absätzen sind gefährlich.“

Lahm hat sogar Kopfballtore gemacht, ohne vorher weinerlich nach einem Schemel zu rufen, er hatte diesen eisernen Willen. „Im Schnitt schieße ich bei der Nationalmannschaft etwa alle zwei Jahre ein Tor“, hat er einmal glaubhaft erzählt, aber bei der WM 2006 schoss er im Eröffnungsspiel dann gleich das erste. Endstand: 4:2 gegen Costa Rica. Lahms traumhafter Schlenzer, hoch ins Eck, war der Startschuss ins anschließende Sommermärchen.

In Stuttgart, seinem Geburtsort als Fußballstar, ist das glorreiche Turnier damals passender Weise zu Ende gegangen, erst im Hotel Graf Zeppelin und dann im Stadion. „Es gab während der WM 2006 viele unglaublich schöne Erlebnisse“, erinnert er sich in stillen Stunden, „am beeindruckendsten aber war, als wir zum Spiel um Platz drei nach Stuttgart gekommen sind.“ Eigentlich war die Luft raus. Unglücklich hatte das DFB-Team das Halbfinale gegen Italien verloren, und jeder Versuch der nochmaligen Motivation war so gut wie aussichtslos.

„Und dann“, hat Lahm den Schlüsselmoment später der „ZEIT“ detailliert geschildert, „kommen wir nach Stuttgart. Ich glaube, unser Bus hatte zwei Stunden Verspätung. Es gab einen Platzregen, es hat geschüttet ohne Ende und trotzdem haben, ich tippe mal, 15 000 Fans vor unserem Hotel gewartet und uns zugejubelt. Das war ein unglaubliches Gefühl. Unten wurden die Straßen abgesperrt. Wir waren dann abends um zehn Uhr oben bei den Physiotherapeuten, und die Leute haben draußen immer noch bis in die Nacht hinein gesungen. Das war Wahnsinn. Das hat uns nochmal die Motivation gegeben, so ein gutes Spiel um Platz drei hinzulegen.“

3:1 gegen Portugal. Auch Cristiano Ronaldo fand keine Antwort, der angehende Superstar fühlte sich bitter erinnert an den 1. Oktober 2003. Sein erstes Champions-League-Spiel hatte der Portugiese an jenem Abend gemacht, im Dress von Manchester United gegen den VfB, und schon damals war er wie gelähmt ob der Anwesenheit von Lahm. Nur einmal wurde es eng, Lahm traf in höchster Rettungsnot den VfB-Pfosten, von dort sprang der Ball zu Ronaldo, der stürzte im Zweikampf mit VfB-Torwart Timo Hildebrandt, und Ruud van Nistelrooy verwandelte den Elfmeter zum 2:1. Dabei blieb es, in einem der größten Spiele in der Geschichte des VfB. „Heute war alles perfekt“, sagte Felix Magath – und wenn nicht erstunken und erlogen ist, was man hört, hat der Trainer sich in jener Nacht vor dem Spiegel selbst gegrüßt und beglückwünscht für seine weise Voraussicht in Sachen Lahm.

Philipp Lahm ist in Stuttgart jedenfalls immer herzlich willkommen, und wenn Not am Mann ist, greift der alte Beute-Schwabe dem VfB auch heute noch unter die Arme. 2022 hat ihn der VfB-Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle als Berater engagiert, und von wöchentlichen, virtuellen Sitzungen war die Rede, und dass Lahm seine „Erfahrung und Expertise“ (Wehrle) einbringt. Auf der Tribüne sah man Lahm eher selten, was aber zu verkraften war, denn er sieht mit dem Fernglas aus München mehr als andere, die in Stuttgart im Stadion sitzen. „Mit meiner Beratung“, versprach Lahm, „will ich dazu beitragen, dass der VfB wieder ein Verein ist, der viel öfter gewinnt als verliert.“

Jedenfalls ist der VfB danach nicht abgestiegen.

WM in England 1966: „Ich habe die Beleidigung an seinem Gesichtsausdruck abgelesen“

WM in England 1966: „Ich habe die Beleidigung an seinem Gesichtsausdruck abgelesen“

Rudolf Kreitlein wurde bei der WM 1966 als „tapferes Schneiderlein“ berühmt. Er wollte den Argentinier Rattin vom Platz stellen, aber der stellte sich dumm und ging einfach nicht. Aus Notwehr wurde Kreitlein zum Revolutionär – und erfand tags darauf die gelbe und rote Karte.

Auf die Risiken einer Fußball-WM muss man sich als Journalist gewissenhaft vorbereiten. Deshalb war ich vor dem Abflug nach Südafrika jetzt noch schnell beim Doktor, um mich gegen Seuchen impfen zu lassen, aber auch im Stuttgarter Theaterhaus, um mich gegen Schiedsrichter impfen zu lassen.

„Schiedsrichter Fertig“ heißt das Stück, das dort zurzeit läuft. Thomas Brussig hat es geschrieben, und es ist ein wunderbares, aber fast tragikkomisches und trauriges Stück – über arme Kerle, die hin und her rennen, kein Tor schießen dürfen und keinen Beifall erhalten.

Auf der zu einer Umkleidekabine umdekorierten Bühne schlüpfen drei Schauspieler in die Haut von Schiedsrichter Uwe Fertig und seiner zwei Linienrichter. Kurz vor dem Anpfiff zetern sie miteinander über ihr unmenschliches Los, da draußen gleich wieder als Pfeifen im Regen zu stehen und an die Wand gestellt zu werden als schwarze Sau, sie zerreißen sich das Maul über die Spitzbuben und Schwalbenkönige, von denen sie schamlos hereingelegt werden – also kurz gesagt zeigen sie uns, wie man sich als Schiedsrichter vor dem Anpfiff dafür in Stimmung bringt, von achtzigtausend ausgepfiffen, angepöbelt, beschimpft, bebrüllt, beleidigt, bedroht und auf alle erdenkliche Arten massakriert zu werden.

Warum sie es trotzdem tun?

Bei der Antwort klopft sich Uwe Fertig mit einem fiesen Rächerblick brüllend auf die Schenkel: Als schlauer Schiedsrichter kann man trotzdem unsterblich werden – es genügt schon ein fragwürdiger Pfiff, mit denen man die Fußballwelt auf die Palme bringt.

Die lebenden Beweise für diese Pointe des Bühnenstücks begegnen einem fast täglich. In verblüffender Regelmäßigkeit, die kein Zufall mehr sein kann, führen pfiffige Schiedsrichter die berühmtesten Fußballstars der Welt wie Tanzbären am Nasenring derart durch die Manege, dass ich hier spontan den derben Scherz vom Teufel erzählen muss. Der fragt Petrus am Telefon, ob er sich nicht eines fernen Tages einmal ein packendes Fußballspiel Himmel gegen Hölle vorstellen könne, worauf Petrus ihn warnt: „Gerne, aber Ihr werdet chancenlos sein, denn für uns spielen dann alle Götter, Pele, Maradona, Beckenbauer…“

„Aber wir“, unterbricht ihn feixend der Teufel, „haben die Schiedsrichter.“

Wahr ist auf jeden Fall eines: Besonders selbstbewusste Schiedsrichter, die etwas auf sich halten, weisen an ausgesuchten Tagen nach, dass sie für ein erfülltes Leben ein gewisses Gefühl für die Macht unbedingt brauchen, vor allem in Form des Zückens gelber und roter Pappendeckel, mit denen sie ungestraft die höchstbezahltesten Millionäre in kurzen Hosen stramm stehen lassen.

Womit wir endlich zum Thema kommen: Wer hat diese Karten erfunden?

Für die Antwort darauf muss man, wenn man vom Stuttgarter Theaterhaus am Pragsattel kommt, nicht mehr weit fahren. Runter in die Stadt und dann hoch nach Degerloch, dort lebt der Gesuchte als Kultfigur: Rudolf Kreitlein.

Ich habe einmal neugierig bei ihm an der Tür geklingelt, und er ließ mich in seine dicken Ordner schauen, in die er die Zeitungsartikel vom wichtigsten Tag seines Lebens hineingeklebt hat. Bis dahin war er nur ein kleiner Schneidermeister, aber mit einem einzigen Pfiff ist er bei der WM 1966 dann über Nacht als „tapferes Schneiderlein“ weltberühmt geworden. „Auch meine Schiedsrichterkluft war selbstgemacht“, hat mir Kreitlein erzählt – und anschließend die Geschichte mit Rattin.

Im Viertelfinale war das. In Wembley traf England auf Argentinien, und irgendwann hat Antonio Rattin, der Kapitän der Gauchos, den deutschen Schiedrichter von oben herab angeschaut. Rattin war ein Riese, und Kreitlein nur ein laufender Meter, aber dafür saß er am längeren Hebel. Weil die beiden sich aufgrund weltsprachlicher Mängel zu einer verbalen Klärung der heiklen Situation nicht in der Lage sahen, hat Kreitlein in der Not „an Rattins Gesichtsausdruck abgelesen“, dass der ihn beleidigt hatte – und „mit der Gestik eines Burgschauspielers“, notierte später ein Augenzeuge, versuchte der kleine Mutige den Pampariesen des Feldes zu verweisen, in Form fuchtelnder Bewegungen des Armes und flankiert vom gezückten Zeigefinger. Aber Rattin ließ sich nicht verscheuchen. Nix verstehen, deutete er an, nur Bahnhof. Erst nach siebenminütigen Tumulten gelang es bewaffneten Londoner Bobbies schließlich, den verständnislosen Argentinier abzuführen.

„Wir müssen etwas finden, damit Spieler und Zuschauer unsere Entscheidungen besser verstehen“, hat Kreitlein hinterher zum englischen FIFA-Schiedsrichterchef Ken Aston gesagt, der ihn schon während der Rudelbildung auf dem Platz unter vollem Einsatz seines imposanten Körpers vor dem Schlimmsten bewahrt hatte. Der Sage nach musste Aston dann am selben Abend bei der Heimfahrt durch London an einer Ampel halten, schlagartig durchfuhr ihn der gelbrote Geistesblitz, und anderntags war für Aston und Kreitlein klar: Verwarnungskarten müssen her. So wird nun seither wie der Verkehr auch der Fußball geregelt.

Als tapferes Schneiderlein und wegweisender Gelbrot-Pionier ist Kreitlein letztes Jahr zu seinem neunzigsten Geburtstag vom Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue eingeladen worden, zum Abendessen und zur feierlichen Entgegennahme des Bundesverdienstkreuzes. In dessen Genuss kommen normalerweise nur handverlesene Deutsche, aber in seltenen Fällen kriegt es auch einmal ein schwäbischer Tüftler, der mit einer genialen Erfindung verhindert hat, dass der Fußball an seinen Missverständnissen und Tumulten auf dem Platz zugrunde geht.

Verletzungen im Fußball: „Khedira führt, knapp vor Ihnen“

Verletzungen im Fußball: „Khedira führt, knapp vor Ihnen“

Der Knall ist kurz. Es macht plopp und peng, die Achillessehne ist durch, der WM-Traum hängt plötzlich in der Luft wie der Wadenmuskel – und unversehens gerät man als Journalist in einen Wettlauf mit drei Fußballstars, die Weltmeister werden wollen.

Die folgende Kolumne ist aus medizinischer Sicht lebensgefährlich – sie kann zu einer Thrombose führen.

Doc Frölich macht sich jedenfalls große Sorgen. Alle paar Tage legt er die Stirn in Runzeln, mustert streng den geschwollenen Fuß mit der rötlich schimmernden Wunde und fragt sich, ob ich mich an seine heilsamen Verordnungen wirklich halte. “Geben Sie sich”, will er wissen, “immer pünktlich die Spritze?”

“Jeden Abend”, nicke ich, “mal rechts vom Nabel, mal links.”

“Nehmen Sie die Tablette?”

“Vorschriftsmäßig”, schwöre ich.

“Und das Bein”, bohrt er weiter, “legen Sie es immer schön hoch?”

“Ja”, lüge ich.

Zur Grundstellung eines Journalisten gehört es, beim Schreiben den Fuß unter dem Tisch zu haben, aber mein Doktor will unbedingt, dass ich ihn auf den Tisch lege und meine Kolumnen in den kommenden Wochen mit gestrecktem Bein formuliere. Wenn beim Fußball einer mit dem gestreckten Bein daherkommt, zieht der Schiedsrichter aus der Hose sofort die Arschkarte: glatt Rot. Doch Dr. Thomas Frölich denkt anders. Rein in einen Sessel, befiehlt er mir, Laptop auf den Bauch, ein paar dicke Kissen auf einen Schemel und das malade Bein drauf, und zwar so, dass der Fuß auf Herzhöhe liegt. Wenn ich dann zaghaft einwende, dass keine Kolumne solche Verrenkungen aushält und ich mir vorkomme wie ein Einarmiger beim Einwurf, sagt er nur: “Wollen Sie nun zur WM – oder nicht?”

Alles ist gebucht. Sepp Blatter hat meine Anwesenheit in Brasilien amtlich genehmigt, der Flug ist am 7. Juni, meine Hacienda beim DFB-Hotel „Campo Bahia“ in Santo Andre gleich um die Ecke, und Jogi Löws Zauberer legen größten Wert darauf, dass ich komme, denn bei meinen neun WM-Teilnahmen sind wir zweimal Weltmeister, zweimal Vizeweltmeister und zweimal Dritter geworden. Und ausgerechnet jetzt dieser herbe Rückschlag. Ich leide wie Michael Ballack, der vor der WM vor vier Jahren in Südafrika in Gips gelegt wurde, oder wie Sami Khedira jetzt nach seinem Kreuzbandriss.

Man sollte kurz vor einer Fußball-WM als Journalist nicht mehr Tennis spielen und schon gar nicht mit einem pfeilschnellen Schritt nach links zu einer spektakulären Rückhandpeitsche ansetzen. Plopp hat es gemacht, einfach plopp. Vielleicht war es auch ein Peng, jedenfalls war es ein jäher Knall, und dank der Gnade der frühen Geburt wusste mir sofort klar: Genau so war es auch bei Uwe, am 20. Februar 1965, Waldstadion, Eintracht gegen den HSV, 56. Spielminute. Anderntags, frisch operiert, sagte Uwe Seeler: “Ich dachte, da unten hat mich ein Elefant getreten.”

So ein Achillessehnenriss kann einen Ochsen töten, ich schwöre es. Man fällt um wie erschlagen, spürt zunächst einen ekligen Schmerz, sehnt sich nach der Vollnarkose, das Bein hat keine Kontrolle mehr, der Wadenmuskel hängt haltlos im Nichts, und das auch noch in Amerika. Hinkend habe ich mir eine Mullbinde und einen Stützstrumpf besorgt, mich auf den Flughafen in Miami geschleppt und nach der Landung in Echterdingen direkt weiter in die Praxis zu Doc Frölich, dem früheren VfB-Meisterarzt. Seine Diagnose nach der Kernspintomografie, kurz und verletzend: “Abriss.”

Kobe Bryant, der Basketballkönig, kämpft mit einem solchen seit Monaten. Auch Rosi Mittermaier, erzählt der Doc, hat es einmal erwischt, beim Slalom, trotz des dicken Skistiefels. “Mich übrigens auch”, sagt er und zeigt mir die Narbe. Es trifft offenbar nur die Besten, und man ist fast froh, dazugehören zu dürfen. Er hat mich dann also operiert, und es gibt nichts Schöneres, als hinterher wieder aufzuwachen – in der Hoffnung, dass es einem ergeht wie Seeler, der über sein damaliges Krankenzimmer noch heute schwärmt: “Überall standen Blumen. Auch die Briefe, die gekommen sind, waren herzzerreißend“.

Uwe war schon ein halbes Jahr später wieder fast der Alte und hat, obwohl ein Achillessehnenriss zu der Zeit noch als sicherer Karriereabschluss galt, die deutsche Mannschaft mit einem Spezialschuh zum 2:1 gegen Schweden und zur WM 1966 geschossen.

“Disziplin ist alles”, trichtert Doc Frölich mir nun Tag für Tag ein und motiviert mich stets mit dem Hinweis auf Sami Khedira, der mit seinem Knie neulich wieder bei ihm im VfB-Rehazentrum vorbeigeschaut hat. Außerdem betreut er Hoffenheims belgischen Torwart Koen Casteels, dessen WM-Träume plötzlich bedroht sind durch einen Schienbeinbruch, und vor ein paar Tagen ist auch Dimitri Tarasow von Lok Moskau wieder zu ihm hergeflogen. Kreuzbandriss. Frölich, als heilender Hexer bis in Putins Reich bekannt, soll auch dem Russen die WM retten.

„Wer von uns“, frage ich ihn zitternd, „hat die besten Karten?“

Doc Frölich zermartert sich kurz das Hirn, grübelt, wägt ab und sagt dann: “Khedira, knapp vor Ihnen.”

Und ich dachte schon, meine Chance sei kleiner als die einer Sau beim Metzger. Aber das ist der Vorteil eines Kolumnisten: Er muss in einem Spiel nicht zwölf Kilometer rennen, sondern nur zwölf Kilometer sitzen.

WM in der Schweiz 1954: „Friedrich, es regnet!“

WM in der Schweiz 1954: „Friedrich, es regnet!“

Wenn man einem Toten zum 100. Geburtstag gratuliert, muss es großartige Gründe geben. Wie bei Fritz Walter. Nur eines ist traurig: Erfolglos habe ich als Kind versucht, seinen 32-Schläge-Rekord auf der Minigolfanlage in Obertal im Schwarzwald zu brechen.

Jedes Jahr flattert mir pünktlich vor der Feriensaison ein bunter Prospekt des Hotels „Belvedere“ in den Briefkasten. Früher brachte ihn der Postbote. Heute kommt er als E-Mail.

Waren Sie einmal im „Belvedere“?

Das Hotel in Spiez am Thuner See gilt seit 1954 als Wallfahrtsort. Jeder anständige Deutsche sollte es mindestens einmal im Leben aufsuchen und vor dem Treppchen am Eingang niederknien, und als ich vor ein paar Jahren eine Nacht dort verbrachte, gab es im Fanshop immer noch das Hemd von Fritz Walter. „Vom Originaltrikot“, garantierte das Hotel, „wurde das Schnittmuster genommen.“

Ich war damals allerdings nicht den weiten Weg in die Schweiz gefahren, um das nachgemachte Hemd des alten Helden zu kaufen, vielmehr wollte ich den unverfälschten Hauch der Heldentat atmen, und zwar dort, wo sich der Kapitän Walter und der Rechtsaußen Rahn, kurz: der „Boss“, damals jeden Morgen vor den Spiegel gestellt und rasiert hatten. Als fragte ich das freundliche Fräulein an der Rezeption: „Kann ich Zimmer 303 haben?“

Sie war untröstlich, als sie mir die bittere Wahrheit eröffnete: „Wir haben umgebaut.“

Zimmer 303, das Basislager des Wunders, gab es nicht mehr. Umso mehr, und damit war mein Tag dann doch halbwegs gerettet, war aber in Umrissen der historische Speisesaal noch zu erkennen, in dem am 4. Juli 1954 die vermutlich wichtigsten drei Wörter des deutschen Fußballs gesprochen wurden – die DFB-Kicker saßen beim Mittagessen, als der Nürnberger Max Morlock plötzlich durchs Fenster starrte und wie elektrisiert aufschrie.

„Friedrich, es regnet!“

Friedrich, das war Fritz Walter. „Wir nagten bei Tisch gerade die Knochen unserer Hähnchen ab“, hat der Kapitän den Glücksmoment später beschrieben. Er mochte feuchtes Gras, auf schlüpfrigem Geläuf kam seine Ballfertigkeit perfekt zum Tragen. Auch Bundestrainer Sepp Herberger zwinkerte: „Fritz, Ihr Wetter.“

Es war ein Wetter, um Helden zu zeugen. Und wir Deutsche brauchten dringend neue Helden. Die alten waren tot.

Der Rest des Tages ist Geschichte, die Bilder vom Wunder sind unauslöschlich ist allen Überlebenden gespeichert. Boss Rahns 3:2. Die patschnassen Ungarn. Die feuchtfröhlichen deutschen Schlachtenbummler in ihren Regenmänteln. Die Stimme von Herbert Zimmermann, die sich zunehmend überschlug, als er durch sein Radiomikrofon in die Heimat schrie: „Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“

Der 4. Juli 1954 gilt als die wahre Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. „Wir sind wieder wer!“, spürte ein einiges Volk. Die geschundene deutsche Seele traute sich über Nacht wieder zum aufrechten Gang zurück – und der deutsche Mann griff zu Lockenstab und Pomade, um so glänzend daherzukommen wie Fritz Walter.

Der war kein Gewöhnlicher. Wenn man einem Toten zum hundertsten Geburtstag gratuliert wie jetzt diesem Pfälzer, müssen schwerwiegende Gründe vorliegen.

Wo fangen wir an?

Am besten mit seinem Tor des Jahrhunderts. Am 6. Oktober 1956 spielte der 1. FC Kaiserlautern vor 110 000 Zuschauern in Leipzig gegen Wismut Karl-Marx-Stadt, gewann 5:3, und Fritz Walter gab dem DDR-Meister den goldenen Schuss. In seinem Buch „So habe ich’s gemacht …“ beschreibt er ihn so: „Der von rechts kommende Flankenball senkte sich hinter meinem Rücken. Da ließ ich mich nach vorne fallen, fast in den Handstand und schlug mit der Hacke zu. Aus zwölf, fünfzehn Metern Entfernung flog der Ball haarscharf ins obere Toreck. Dass es ein Tor wurde, war Glück. Dass ich in dieser Situation aber überhaupt an den Ball kam und ihn traf, das war kein Glück.“

Es war Können. Er war ein zärtlicher Ballstreichler, und alte Schriften schildern ihn als genialen Spielmacher und Strategen, der nebenher verteidigte und vollstreckte. In 61 Länderspielen schoss Fritz Walter 33 Tore. Aber so gut wie keines davon kam live und in voller Länge im Fernsehen, und schon gar nicht in Farbe, die Bilder lernten gerade erst laufen. Wie gut Fritz Walter war? Es ist wie bei Muhammad Ali, dessen Trainer Angelo Dundee gesagt hat: „Den besten Ali haben wir nie gesehen.“ Denn in seinen besten Jahren war Ali als Kriegsdienstverweigerer gesperrt.

Der junge Walter zog in den Krieg und hat an der Front seine beste Zeit verloren. 1940 hatte ihn der Reichstrainer Herberger erstmals nominiert, er war 19, heute würde man Wunderkind sagen, und gegen Rumänien schoss er auf Anhieb drei Tore. 1945 kehrte er dann aus der russischen Gefangenschaft heim, 1951 in die Nationalelf zurück, und er sagte: „Der Krieg hat mir die besten Jahre gestohlen.“ Er war jenseits der 30. Eigentlich war alles vorbei. Aber es fing erst an.

Das zweite Leben.

Walter spielte jetzt nicht mehr für Hitler, aber immer noch für Herberger. Die Zwei waren wie Vater und verlängerter Arm, der Filigrane setzte die Ideen des Trainers um, und umgekehrt war Herberger sein Trauzeuge, als er 1948 die gutaussehende Italia Bortoluzzi zum Altar führte. Besorgt tuschelten die Pfälzer angesichts der feurigen Italienerin: „De schwarz Hex mit de rote Fingernägel, hoffentlich macht se de Fritz net fertig.“ In Wahrheit hat sie ihn so richtig in Fahrt gebracht. Zweimal wurde Kaiserslautern Deutscher Meister, und Atlético Madrid und Inter Mailand lockten mit Geldsäcken. Erfolgslos. „Dehäm is dehäm“, soll der Fritz gesagt haben.

Dann kam die WM 1954.

Das Wunder wird immer mit dem „Geist von Spiez“ erklärt, aber es steckte auch der Geist von Schwarzwald dahinter. Ich weiß das, mein Opa Artur stammte aus Baiersbronn-Obertal, wir feierten dort immer unseren jährlichen Familientag, und im Gasthof „Blume“ am Eingang des Fleckens haben Herbergers Helden bis heute ihre Spuren hinterlassen, die alten Fotos vom Wirt mit dem Sepp und dem Fritz halten die glorreiche Vergangenheit wach. Vor der WM in der Schweiz tankten die angehenden Weltmeister in Obertal die Luft für das Wunder, und auf dem Minigolfplatz stellte Fritz Walter einen neuen Rekord auf: 32 Schläge. Ich habe als Bub später jedes Jahr versucht, ihn zu brechen, aber irgendwann erfolglos kapituliert.

Mit acht Schlägen haben es bei der WM dann die Ungarn unseren Deutschen besorgt. Ferenc Puskas und seine Puszta-Zauberer, unbesiegt in vier Jahren, zerlegten das Team um Fritz Walter in der Vorrunde in alle Einzelteile, Endstand 8:3. In Erwartung einer Niederlage hatte Herberger seine besten Spieler sicherheitshalber weggelassen, und er hätte die Demütigung besser auch seinem sensiblen Kapitän erspart. „Jahrelang war ich vor jedem Spiel so aufgeregt, dass mir schlecht wurde“, gestand Walter einmal, „ich saß dann oft bis kurz vor Anpfiff auf dem Klo.“ Das probate Gegenmittel fand Herberger, ein Fuchs in Sachen Menschenführung, aber im „Belvedere“: Auf Zimmer 303 kombinierte er den Grübler mit dem sorglosen Helmut („Boss“) Rahn, einer Stimmungskanone. „Helmut“, sagte der Chef, „baue Se mir den Fritz auf.“

Die Zwei ergänzten sich derart, dass der Grübler dann im Halbfinale zwei Elfmeterbälle seelenruhig im österreichischen Kasten versenkte und der Boss im Finale gegen die unschlagbaren Ungarn erst das 2:2 schoss und dann Herbert Zimmermann auch noch den Schrei aller Schreie entlockte: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt, Tooor, Tooor, Tooor – Tooor!“

Fritz Walter bekam als Weltmeister 2300 Mark, einen Motorroller, eine Couchgarnitur, einen Fernseher, einen Staubsauger und eine Nähmaschine. Er schrieb den Bestseller „3:2“ und spielte, um die verlorenen Kriegsjahre nachzuholen, dann auch noch die WM 1958 in Schweden. Und um ein Haar wäre es dort zum finalen Königsduell gekommen: Der 37-jährige Fritz Walter gegen den 17-jährigen Pelé.

Ein furchtbares Halbfinale hat den Traum dann zerstört, speziell den des Chronisten hier, der sich achtjährig seiner ersten WM hingab. Ein Bub vergisst nichts. Ich lag vor dem Radio und habe erst gezittert und am Ende geheult. Es handelte sich um eine der damals sehr beliebten Musiktruhen, links war das Fach mit dem Eierlikör und dem Kognac, rechts der Plattenspieler mit dem Radio, und aus dem brüllten 50 000 Schweden ihr „Heja! Heja!“ an jenem fürchterlichen Abend, der damit endete, dass uns Herbert Zimmermann an die Heimatfront durchgab, wie Fritz Walter gefoult und von den Cotrainern Schön und Gawliczek vom Platz getragen wurde, den Kopf in beide Hände vergraben. Für den Rest des Spiels hinkte er wie ein Kriegsversehrter auf Rechtsaußen.

Es war Fritz Walters letztes Länderspiel. Danach wurde er Ehrenspielführer, unter anderem eine Straße, eine Schule, ein Triebwagen der Bundesbahn, ein Sekt, ein Fußballturnier, eine Stiftung und das Stadion am Betzenberg wurden nach ihm benannt, und 2002 ist er zu Grabe getragen worden. Aber er lebt.

Denn ein großer Toter stirbt nie. Im „Belvedere“ ist jahrzehntelang sein Trikot nachgebaut worden, und flankierend gab es in Deutschland anlässlich eines runden Geburtstags des Berner Wunders für 14,90 Euro auch noch einen Regenschirm mit dem Aufdruck „Fritz-Walter-Wetter“. Er war dem Schirm nachempfunden, den man dem deutschen Kapitän hingehalten hatte, als ihm FIFA-Präsident Jules Rimet damals im Wankdorfstadion den WM-Pokal überreichte.

Es war ein Sauwetter am 4. Juli 1954 – aber so hat es der Fritz gewollt.

WM in Südkorea 2002: „Es wird mich ein paar Tage quälen“

WM in Südkorea 2002: „Es wird mich ein paar Tage quälen“

Olli Kahn ist abgetaucht, er therapiert sich im Urlaub auf Sardinien. Wie kommt ein Fehlerloser mit einem Fehler klar – und dann auch noch mit so einem solchen wie am Sonntag im WM-Finale in Yokohama?

Als Oliver Kahn nach dem WM-Endspiel auf dem Boden hockte und haltsuchend mit dem verlängerten Rücken am Torpfosten lehnte, fertig mit sich, Gott und der Welt, war es von Vorteil, dass ihm keiner einen Revolver reichte – er hätte sich dankend den Fangschuss gegeben.

Was in ihm vorging?

Um davon eine ungefähre Ahnung zu haben, muss man lediglich wissen, was Vater Rolf einmal aus der Kindheit seines Olli berichtet hat: „Wenn der Bub beim Mensch-ärgere-dich-nicht verloren hat, sind mir die Figuren um die Ohren geflogen.“

So ähnlich muss es gewesen sein, nur viel schrecklicher, als der beste Torwart der Welt letzten Sonntag in Yokohama das Endspiel der Weltmeisterschaft verloren hat. Statt der Olli-ärgere-dich-nicht-Figuren hat er diesmal seine Handschuhe weggepfeffert, und im Übrigen wäre er auf der Stelle verrückt geworden, wenn er es, weil es die unheilbare Berufskrankheit aller Torleute ist, nicht schon vorher gewesen wäre. Ein Torwart muss verrückt sein, er geht auf dem schmalen Grat zwischen Held und Depp sonst zugrunde.

Schon früh in den 1990er Jahren, er war Anfang 20, hat mir Kahn sein Berufsbild erklärt. Als verheißungsvolles Talent stand er damals im Kasten des Karlsruher SC und hatte noch nicht viel erlebt, wusste aber bereits bestens, welche berufliche Herausforderung er sich da aufgehalst hatte: „Als Torwart bist du Einzelkämpfer“, sagte er, „ein Feldspieler kann seine Fehler auswetzen, der Torwart nicht. Das Leben im Tor macht einsam.“ Vor allem so ein Fehler.

Es war bei der ganzen WM sein einziger.

Was hatte er für ein tolles, unübertreffliches, überwältigendes Turnier gespielt, Freund und Feind hatte ihn gefeiert und gefürchtet als „King Kahn“ oder „Titan“. Ohne den Teufelskerl im Tor wäre Rudi Völlers DFB-Team nicht im Finale gelandet, sondern schnell nach der Vorrunde auf Schleichwegen heimgeflogen, Economy, Holzklasse, und auf dem Frankfurter Flughafen vermutlich mit einem Wurfhagel aus Südfrüchten und faulen Tomaten empfangen worden. Aber aus drei Gründen landete die Truppe stattdessen am Ende im Finale, nämlich „mit Kampf, Krampf und Kahn“, wie der TV-Reporter Marcel Reif wahrheitsgemäß vermeldete. Der beste Torwart der Welt wurde vor dem Anpfiff auch noch zum besten Spieler der WM gewählt. Und dann das: Er verliert dieses finale Spiel, das alles entscheidende, das wichtigste seiner Karriere.

„Es wird mich ein paar Tage quälen“, sagt er in der finsteren Nacht nach dem Malheur.

Ein paar Tage? Sein Leben lang wird er ihn verfolgen, denn die Welt ist gemein. „Die einzigen, die sich an dich erinnern, wenn du Zweiter wirst, sind deine Frau und dein Hund“, hat der Brite Damon Hill gesagt, als er in der Formel 1 an Michael Schumacher wieder einmal nicht vorbeikam. Wobei Kahn jetzt nicht mit Frau und Hund, sondern mit Frau und Kind versucht, die Gespenster loszuwerden. Nach Sardinien ist er angeblich geflüchtet, in den Urlaub, oder in die Therapie.

Vermutlich steht er in diesem Moment im Hotelzimmer vor dem Spiegel und beschimpft sich selbst, oder er beißt sich in die Backe, wie er es in der Bundesliga gelegentlich mit Gegenspielern macht, mit bis zum Anschlag vorgeschobenem Kinn und einer Fratze der Selbstverachtung. Denn nur als Fehlerloser und Nummer eins ist sich einer wie Kahn gut genug, so war es schon in seinen Anfangsjahren beim KSC, als ihm die Rivalen Famulla und Wimmer den Platz im Tor streitig machten – der arme Famulla, erinnert sich Rudi Wimmer, habe sich im Hotel sicherheitshalber nie mit Kahn auf ein Zimmer gelegt, „vor Angst, dass ihm der nachts das Kopfkissen aufs Gesicht drückt.“

Diese Angst muss Ollis Frau jetzt nicht haben, dafür aber anderweitig auf alles gefasst sein. Schlägt er im Schlaf um sich? Klatscht er Rivaldos Schuss auch in seinen Albträumen nochmal ab? Führt er zermürbende Selbstgespräche? Trommelt er mit den Fäusten gegen die Nachttischschublade? Wie verarbeitet Kahn diesen Tiefpunkt seiner Karriere, von dem er ahnt, dass es keinen tieferen geben wird? Wie geht er mit dem Mitleid um und dem Wissen, den Mythos der Unbezwingbarkeit verspielt zu haben? Als er da unten im Gras hockte, bezwungen, besiegt und innerlich beerdigt, sagte der Sat-1-Reporter Werner Hansch: „Mir kommt er in diesem Moment näher. Er ist wieder unter uns – als Mensch.“

Für Kahn ist das kein Trost. Der Außerirdische gegen den Rest der Welt, man kann sich als Torwart an solche Schlagzeilen gewöhnen. „Der Steingesichtige ist ein Gigant“, hatte ihn ein Blatt aus Dallas bestaunt, nachdem der US-Jungstar Landon Donovan frei vor Kahn wie das Kaninchen vor der Schlange erstarrt war – die Szene deckte sich mit der ins echte Leben übertragenen Blaupause jenes TV-Werbespots, in dem ein Elfmeterschütze, als er Kahn vor sich sieht, mitten im Anlauf umdreht und flüchtet. So wird man als Torwart irgendwann zum Ritter mit der stählernen Rüstung, an dem alles abprallt, Jahr für Jahr ist Kahn diesem Bildnis immer gerechter geworden, bis er letzte Woche vollends über allem schwebte, „Bild“ machte es kurz: „Die Faust Gottes.“

In der Etage über Olli wohnte höchstens noch der Allmächtige – aber dem wurde der Zauber dann offensichtlich zu bunt, und er hat die himmlische Hierarchie mittels der Schrecksekunde von Yokohama wieder zurechtgerückt.

Wie findet der gefallene Gigant jetzt auf Sardinien wieder zum inneren Frieden? Keiner weiß es, aber es fühlt sich zumindest beruhigend an, wenn man hört, dass er zur Entspannung angeblich gerne Vivaldi und Tschaikowsky hört und sich in Notfällen ergänzend noch auf das Buch „Mentale Stärke“ von James E. Loehr stützt. Es spricht also vieles dafür, dass Kahn demnächst wieder in die Handschuhe spuckt und die größten Kanoniere der Welt sich langsam schon wieder überlegen sollten, wie sie am besten vor ihm in Deckung gehen.

Auch der Bundeskanzler hat sich mittlerweile eingeschaltet und die Rückkehr des Bundestorwarts zur alten Stärke sozusagen zur Chefsache erklärt. „Olli Kahn ist nach diesem Fehler nicht kleiner, das ist doch Unsinn“, hat Gerhard Schröder die angeschlagene Nation beruhigt, und flankierend haben wir einen TV-Propheten auf Sat 1 sagen hören: „Ein Kahn kommt zurück, stärker denn je.“

Noch stärker? Gott steh ihm bei.

WM in Spanien 1982: „Alle verhaften“

WM in Spanien 1982: „Alle verhaften“

Bei der Fußball-WM droht uns ein Duell, das düster an ein früheres erinnert. In Gijon fand es statt, bei der WM 1982 gegen Österreich. Es war eines jener Spiele, bei denen man als Reporter auf der Tribüne sitzt und gar nicht mehr glaubt, was man sieht. Ein „Tatort“-Kommissar riet nach der Übertragung spontan zu Handschellen.

Vor ein paar Tagen hat Jogi Löw erzählt, dass seine Freundschaft mit dem US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann zwar intakt ist, im Vorfeld des nahenden WM-Duells in Recife aber ruht – „wir hatten zuletzt keinen Kontakt“, verriet der Bundestrainer, „und werden vor dem Spiel vermutlich nicht mehr telefonieren.“

Jetzt sind alle gespannt.

Denn schlagartig hat sich eine Situation ergeben, in der gute Freunde durchaus zum Hörer greifen könnten, um entweder über das brasilianische Wetter, die dortigen schönen Frauen oder die Reize eines Unentschiedens zu reden. Der unwiderstehliche Charme einer solchen Punkteteilung bestünde nämlich darin, dass Deutschland und die USA dann bombensicher im Achtelfinale wären, da könnten die Portugiesen und Ghanaer spielen wie sie wollen und wären draußen, selbst wenn sie am Anstoßkreis im Handstand ein Bier trinken, ohne es zu verschütten.

Sie glauben nicht an einen solchen Spuk?

Ich auch nicht. Aber die journalistische Sorgfaltspflicht zwingt mich, an jenen holländischen Kollegen zu erinnern, der sich am 25. Juni 1982 vor dem WM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Österreich im Stadion „El Molinon“ im spanischen Gijon neben mich setzte und sagte: „Die werden sich einigen.“ Es hat mich viel Mühe gekostet, ihn vom Gegenteil zu überzeugen – dass nämlich die Deutschen sich an den Wienern grausam rächen würden für die gerade vier Jahre alte „Schmach von Cordoba“. Und auf der Gegenseite hatte Torwart Friedl Koncilia tags zuvor wüst gedroht: „Wir schicken die Deutschen nach Hause.“

Die Ausgangslage war so: Deutschland hatte gegen Algerien sensationell verloren und erst einen Sieg auf dem Konto, die Österreicher hatten ihre beiden Spiele gewonnen, und es gab nur ein einziges Ergebnis, das beide an den Nordafrikanern vorbei in die Zwischenrunde hieven würde – 1:0 für Deutschland. Horst Hrubesch schoss dieses 1:0, in der elften Minute.

„Und nun pass auf“, sagte der Holländer.

Als einer der letzten überlebenden Augenzeugen des Unfassbaren, das sich danach ereignete, muss ich leider kleinlaut zugeben, dass die restlichen 79 Minuten weitgehend so abliefen: Der Ball wurde von beiden Teams in der eigenen Hälfte minutenlang hin- und hergeschoben und, damit die Torhüter Schumacher und Koncilia nicht einschliefen, gelegentlich zu denen zurückgespielt. Die nahmen ihn dann jedes Mal mit der Hand auf, was bei Rückpässen damals noch erlaubt war, spazierten mit dem Ball unter dem Arm eine Weile durch ihren Strafraum, schossen ihn dann nach vorne, und danach war wieder der Gegner dran. Kurz: Man war sich stillschweigend einig, am günstigen Ergebnis nicht mehr zu rütteln. Zweikämpfe fanden nur noch alibimäßig statt, aus tabellarischen Vernunftsgründen erschien ein Schuss aufs Tor nicht mehr ratsam, und alle hielten sich dran.

Bis auf Schoko.

Walter („Schoko“) Schachner, der aufrechte Steiermärker, hat irgendwann tatsächlich einmal versucht, den Ausgleich zu schießen und sich später bitter beklagt: „Ich bin da vorne gelaufen wie ein Wahnsinniger und war richtig ang’fressen, denn die haben mich nicht angespielt.“ Sogar zu einer Gelben Karte hat er es in seinem Übereifer geschafft. Er kapierte eindeutig als Letzter, was da lief. Schachner später: „In der Pause hat es zwischen ein paar wichtigen Spielern beider Teams, die sich gut verstanden, Absprachen gegeben, dass man es bei diesem Resultat belassen soll. Ich hab` aber nix mitgekriegt.“

Unvermeidlich kam es deshalb dann zu diesem legendären Zwischenfall, als Schoko den Nichtangriffspakt brach und knallhart in Richtung des deutschen Tores abzog. Freund und Feind waren gleichermaßen fassungslos und empört. Der deutsche Vorstopper Karlheinz Förster, erinnern sich verlässliche Ohrenzeugen, spitzte seinen Gegenspieler Krankl auf der Stelle mit einem „Hei, Hansi!“ derart an, dass der zum Mitspieler Schachner fuchsteufelswild hinüberdrohte: „Schoko, wannsd` dös no amol mochst…“

Während der deutsche TV-Kommentator Eberhard Stanjek empört von einer „Schande“ sprach und sein Wiener Kollege Robert Seeger die Zuschauer zum Abschalten aufforderte, wedelten 40 000 entrüstete Spanier im Stadion mit weißen Taschentüchern und brüllten „Küsst Euch!“ Die sich beschissen fühlenden Algerier winkten derweil mit Geldscheinen, was den österreichischen Delegationsleiter Hans Tschak vollends in den Tiefpunkt des Tages trieb, indem er hinterher sagte: „Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn deswegen hier 10 000 Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das, dass die zu wenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können.“

Es ist, ich verrate hier nichts Neues, beim 1:0 geblieben. Die Lokalzeitung „El Commercio“ veröffentlichte die Spielanalyse anderntags im Polizeibericht, und ein weiteres spanisches Blatt wurde im Wühlkorb der großdeutschen Geschichte fündig und titelte: „El Anschluss“. Umso lockerer sagte Hansi Krankl im Namen sämtlicher Spieler: „Ich weiß nicht, was man will. Wir sind qualifiziert.“

Der holländische Kollege hat mir beim Schlusspfiff dann übrigens grinsend auf die Schenkel geklopft. Und aus der Heimat erreichte uns in Gijon noch am selben Abend die Nachricht, dass der ARD-Moderator Hans-Joachim Rauschenbach seinen Studiogast, den Wiener „Tatort“-Kommissar Kurt Jaggberg, nach dem Spiel gefragt hatte: „Was kann man da machen?“

„Alle verhaften“, sagte der Kommissar.

WM in England 1966: „Dieser gierige Kraut“

WM in England 1966: „Dieser gierige Kraut“

Das dritte Tor von Wembley ist gerächt: Helmut Haller hat 1966 nach dem Schlusspfiff den WM-Ball geklaut, der nicht drin war – und ihn den Engländern Jahre später für viel Geld wieder angedreht.

Kürzlich hat ein 16-Jähriger einen Schnapsladen überfallen und unter Androhung von Waffengewalt die Herausgabe hochprozentiger Getränke erzwungen – aber die Strafe fiel glimpflich aus, der Richter erkannte auf mildernde Umstände aufgrund schwerer Kindheit.

Ich weiß, was er meint.

Denn schwerer als meine kann eine Kindheit nicht sein. Bei der ersten WM, die ich mitbekam, war ich acht, das war 1958, und wir sind im Halbfinale gegen die Schweden schamlos beschissen worden. Aber vor allem kam dann 1966 auch noch dieses traumatische Schlüsselerlebnis hinzu, das ein heranwachsender 16-Jähriger normalerweise nicht verkraftet, ohne straffällig zu werden – jener unerträgliche Moment am unsäglichen 30. Juli 1966, als Rudi Michel den Satz in sein ARD-Mikrofon zitterte, den kein Deutscher jemals vergisst: „Kein Tor! Kein Tor! Oder doch? Und jetzt, was entscheidet der Schiedsrichter?“ Gottfried Dienst, die Schweizer Pfeife, entschied auf Tor.

Der Deutsche Fußball-Bund eröffnet am Wochenende die Ausstellung „50 Jahre Wembley-Tor“ und wird hoffentlich ein Mahnmal enthüllen, damit so ein Unrecht nie wieder passiert. Aber auf jeden Fall haben die Engländer schon einmal den richtigen Dämpfer erhalten: Das Auktionshaus „Sotheby`s“ wollte kürzlich das Trikot versteigern, in dem Geoff Hurst im damaligen WM-Finale uns Deutsche mit drei Toren erschossen hat – aber keiner kauft es.

Ein Ladenhüter.

Eigentlich müsste jeder halbwegs anspruchsvolle englische Souvernirjäger Haus und Hof für ein Stück WM-Hauch von 1966 verkaufen, aber für das auf 600 000 geschätzte Heldenhemd von Hurst ging nicht einmal das Mindestangebot ein. Das rote Stück Stoff mit der „10“ wird gemieden, als ob Blut daran klebt. Dabei sind es nur Hursts Schweiß und die Tränen von Hans Tilkowski, Willi Schulz, Siggi Held oder Uwe Seeler, die am Sonntag die DFB-Ausstellung in Dortmund eröffnen. Wenn sie von Hursts Hemdenflop hören, werden die deutschen Spieler in den Himmel hinaufzwinkern zu Helmut Haller – und unser unvergessenes Schlitzohr aus Augsburg wird sich mit seinem Lausbubengrinsen auf die Schenkel klopfen und den alten Gassenhauer „Souvenirs, Souvenirs“ von Bill Ramsey trällern.

Denn Haller, der bei jener WM das sagenhafte Mittelfeldtrio Haller-Beckenbauer-Overath krönte, hat nach dem Schlusspfiff den Ball geklaut.

Der dreiste Diebstahl ist durch Bilder belegt: Man sieht Haller, wie er mit dem unter den Arm geklemmten Ball in der Loge den Knicks vor der Queen macht. Oder später beim Abschlussbankett, als er die Heiligen Drei Könige der WM ihre Autogramme draufschreiben lässt: Pele, Eusebio und Bobby Charlton. Helmut Haller war ein Meister der Wertanlage. Er spürte: Was er sich da unter den Nagel gerissen hatte, war der berühmteste Ball der Fußballgeschichte – der Ball, der nicht drin war.

Damit kommen wir nochmal zu dieser verdammten, verfluchten 101. Minute. Geoff Hurst schießt, der Ball knallt an die Latte – und nach unten. Vor die Linie? Auf die Linie? Hinter die Linie? Schiedsrichter Gottfried Dienst, ein Postbeamter aus Basel, weiß es nicht. Sein Linienrichter Tofik Bachramov, ein Schnauzbart aus Baku am Kaspischen Meer, weiß es auch nicht, brüllt aber Dienst plötzlich an: „Is gol, gol, gol!“ 3:2. Das Tor des Jahrhunderts ist gefallen, aber nur ein Mensch auf der Welt hat es wirklich gesehen: Heinrich Lübke, unser Staatsoberhaupt. Es ist immer noch kurz nach dem Krieg, und in einer ausschweifenden Mischung aus deutscher Demut, politischer Korrektheit und beginnender Tüteligkeit behauptet der Bundespräsident: „Der Ball war drin.“

Selbst Geoff Hurst ist sich da später weit weniger sicher („Tor? Eher nicht“), und irregulär ist auf jeden Fall sein 4:2, denn bei diesem letzten Konter muss er an englischen Fans vorbeisprinten, die schon feiernd das Spielfeld bevölkern. Dieses Chaos nutzt Helmut Haller zum geistesgegenwärtigen Stehlen des Balles. Daheim in Augsburg schenkt er ihn seinem Sohn Jürgen zum fünften Geburtstag, und der übt mit dem runden Ding so fleißig im Garten, dass er es später zum Bundesligaspieler bringt. Manchmal leiht Papa Haller den Ball auch aus, beispielsweise zu Festen, Ausstellungen und Betriebsjubiläen. Bis sich, dreißig Jahre danach, die Engländer am Kopf kratzen: „Wo ist eigentlich unser WM-Ball?“

„Ich habe ihn nicht“, schwört Hurst. Als dreifacher Finaltorschütze hält sich der von der Königin zum Ritter geschlagene Sir Geoffrey urplötzlich für den rechtmäßigen Besitzer des Balls, und die englische Revolverpresse zieht in den Krieg und startet im Rahmen einer emotional aufgewühlten Kampagne die große Heimholaktion. Im April 1996 ist es schließlich so weit. Hallers Sohn fliegt mit dem Objekt der Begierde nach London, und der Ball wird nach der Landung von Hurst im Blitzlichtgewitter der Kameras geküsst. Danach landet er in einer Vitrine auf der „Waterloo Station“, und gut eingefettet krönt er inzwischen das National Football Museum in Lancashire.

Hatte Haller ein Herz für Hurst? Glaubhafter klingt die These, eine patriotische englische Investorengruppe habe an den pfiffigen Augsburger eine Lösegeldzahlung von 240 000 Mark geleistet, worauf das Boulevardblatt „Sun“ sofort schäumte: „Dieser gierige Kraut.“ So oder so: Helmut Haller war mit dem WM-Ball besser bedient als Hurst mit seinem Trikot. Die Engländer sind als Erfinder des Fairplays offenbar so pingelig, dass sie dieses fragwürdige Hemd nicht einmal mehr mit der Kneifzange anpacken wollen.

Für Sir Geoffrey ist das alles ziemlich blamabel. Und neidisch blickt „Sotheby`s“ nach München, denn anders als in London fanden sich dort neulich problemlos Käufer, als Adolf Hitlers Socken, Eva Brauns burgundrotes Sommerkleid und Hermann Görings seidene Unterhose versteigert wurden.

WM in Deutschland 1974: „Block E 2, Stehplatz, Preis 15 Mark“

WM in Deutschland 1974: „Block E 2, Stehplatz, Preis 15 Mark“

„Komm mit, Kerle, kriegsch a Kart` fürs Endspiel“, sagte Gotthilf Fischer am 6. Juli 1974. Tags darauf sangen uns die Fischer-Chöre zum WM-Sieg, und der Fischer-Chor-Reporter hatte den perfekten Platz: Direkt vor mir fielen die deutschen Tore – aber am schönsten fiel Bernd Hölzenbein.

Es gibt Dinge, die man sein Leben lang nicht wegwirft. Man steckt sie am Abend des Tages, an dem sie einem wichtig geworden sind, in die Zigarrenkiste mit den unsterblichen Erinnerungsstücken – und kramt sie in stillen Momenten wieder hervor.

Manchmal dauert es dreißig Jahre. Das verstaubte Souvenir, von dem ich hier und heute erzählen will, hat gelitten. Der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, womöglich sogar eine verfressene Motte, jedenfalls ist es verknittert und kommt an den Ecken etwas abgerissen daher. „München, 15 Uhr, Block E 2, Stehplatz“, steht auf der Karte. Und das Datum.

7. Juli 1974.

Mein Stehplatz in Block E 2 war, um es vorweg zu nehmen, ein guter Platz. Er hat mich beispielsweise davor bewahrt, die erste Szene des Endspiels um die Fußballweltmeisterschaft 1974 in ihrer vollen Tragweite zu erkennen – schließlich lagen ungefähr hundertdreißig Meter zwischen mir und der Stelle, an der Uli Hoeneß gegen Johan Cruyff das Bein stehen ließ. Natürlich drang die Kunde von der Katastrophe irgendwie doch schnell bis Block E 2 durch: Der Schiedsrichter pfiff Elfmeter, Johan Neeskens schoss, der Lautsprecher gab den neuen Spielstand bekannt, und ich ließ auf meinem Stehplatz den Rüssel hängen bis hinunter zu den Füßen. Doch dann habe ich am Anstoßkreis, der nicht ganz so weit entfernt war, den Müller gesehen, der aufgrund seines mangelhaft ausgeprägten Aberglaubens freiwillig die Unglückszahl 13 auf dem Rücken trug, und mit seiner angeborenen Bierruhe hat der Bomber in die Hände geklatscht und gebrüllt, dass ich es fast bis hoch in Block E 2 hörte: „Auf geht’s, Uli – noch 89 Minuten!“

Das war die eine gute Tat des Gerd Müller an jenem historisch wertvollen Tag. Die andere, zweiundvierzig Minuten später, war sein 2:1. Danach waren wir Weltmeister – und feiern nun heute das 30-jährige Jubiläum, wenn auch etwas gedämpfter als das Wunder von Bern anno `54.

Das war eine andere Geschichte, aus einer anderen Zeit. 1974 sind schon die ersten Millionäre in kurzen Hosen auf dem Platz gestanden – keine ausgezehrten Kriegsheimkehrer mehr, die die wunde Seele eines geplätteten Volks balsamierten. Herbergers Helden hätten, um siegen zu dürfen, damals das Torgebälk noch eigenhändig auf den Platz getragen, mit Sägemehl die Linien gestreut und den Ball aufgeblasen – sie waren noch andere Helden, und ihre Prämien waren noch Kühlschränke, Waschmaschinen und Geschenkkörbe mit Fressalien.

Um es kurz zu machen: Die Holländer waren an jenem 7. Juli 1974 in München besser, sie hatten aber keinen Hölzenbein. Vermutlich war es unser Haken schlagender Hesse, der den Dichter Salman Rushdie später zu den wunderbaren Zeilen inspiriert hat: „Schwalben im Strafraum sind wie ein Taschenspielertrick, aber gute Schwalben sind große Kunst. Eine gute Schwalbe ist wie ein Lachs, der hochschnellt, sich dreht und ins Wasser zurückfällt. Eine gute Schwalbe ist wie das Sterben des Schwans.“

Die von Bernd Hölzenbein gegen die Holländer war derart perfekt, dass ich, obwohl der Spitzbube sich direkt vor meinem Block E 2 hingelegt hat, für einen Moment überlegt habe, ob es überhaupt eine Schwalbe war. Viele Jahre später, anlässlich eines DFB-Jubiläumsbanketts, stand der Schalker Olaf Thon auf der Toilette neben Hölzenbein an der Pissrinne und sagte plötzlich, mitten ins beiderseitige Rieseln hinein: „Bernd, ich glaube, man kann ihn geben.“ Aber so oder so, Hauptsache, der Elfer von Paule Breitner hinterher war drin.

Die Holländer, Hut ab, waren klasse. Doch wir hatten, wie 1954, wieder unseren Seppl, diesmal nicht als Trainer, sondern im Tor, vor ihm hat Berti den großen Cruyff in den Wahnsinn und die Selbstaufgabe getrieben, und Katsche Schwarzenbeck, der Putzer vom Kaiser, ist von Franz Beckenbauer ständig als Fels in die Brandung der holländischen Angriffswellen geworfen worden. Aber vor allem hatten wir unseren „Bomber der Nation“, der in Wahrheit der Abstauber der Nation war – seine Tore fielen stets aus dem Nichts.

Hat am 7. Juli 1974 auch nur einer von uns 80 000 im Olympiastadion den Müller ernsthaft am Ball gesehen, bevor er unmittelbar vor der Halbzeit zuschlug? Als überlebender Augenzeuge aus Block E 2 kann ich den Vorfall heute noch hautnah schildern: Bonhof geht schräg vor meinen Augen steil, drischt den Ball flach und blind nach innen, Müller stoppt ihn mit dem Rücken zum Tor, aussichtslos also, doch plötzlich stellt er seinen schwäbischen Hintern hinaus, dreht sich um die eigene Pobacke, und den Rest hatte er kurz zuvor schon auf Platte besungen: „Dann macht es bumm…“

Wie entfesselt ist sich Block E 2 in diesem Moment kollektiv in die Arme gefallen, und erschöpft von dem grausamen, Nerven zerfetzenden, die ganze zweite Halbzeit anhaltenden Anrennen der Holländer auf das Tor direkt vor unseren Augen sind wir beim Schlusspfiff auf die Knie gesunken wie unser Bomber Müller – leider hat der sich abends beim Bankett im Hilton eine dicke Zigarre angesteckt, mit dem Breitnerpaule um die Wette gepafft und seinen Rücktritt erklärt.

Ansonsten war es aber ein traumhafter Tag.

Schon wegen der Fischer-Chöre, die diesem großen Spiel im Olympiastadion den musikalischen Rahmen gegeben haben und die ich noch dreißig Jahre danach gar nicht genug loben kann – es war nämlich so, dass Gotthilf Fischer am Tag vor dem Spiel die beste Idee seines Lebens hatte. Ein Remstäler wäscht die Hand des anderen, also hat der große Chorleiter zum kleinen Lokalreporter B., der bei seiner Kreiszeitung damals noch Sonderberichterstatter mit dem Schwerpunkt Fischer-Chöre war, kurzerhand gesagt: „Komm mit, Kerle, kriegsch a Kart` fürs Endspiel.“

Und dann auch noch in der Kurve, in der das Tor vom Breitnerpaule und von Bomber Müller gefallen ist, und Hölzenbein über das ausgestreckte Bein von Wim Janssen. Spätestens zum Fünfzigjährigen hole ich die verstaubte Eintrittskarte wieder heraus, und die Enkel werden vor Ehrfurcht Bauklötze staunen: „Du warst dabei, Opa?“

Und wie. Sogar die 15 Mark hat mir Gotthilf erlassen.