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Teil 1: Im Gespräch mit Ralf Rangnick

Kaum ein anderer weiß mehr über Talente

Von Luca Wodtke

Ralf Rangnick hat trotz seiner großen Erfolge nie seine Wurzeln vergessen. Der “Professor”, wie ihn viele nennen, wurde in der Süddeutschen Kleinstadt Backnang geboren. Ein Mann, der einen Verein aus den unteren Ligen des deutschen Fußballs in kürzester Zeit in die UEFA Champions League geführt hat, weiß, wie man mit Talenten umgeht. Rangnick ist einer der größten Sportvisionäre unserer Zeit.

 

 
Wir sprachen über…
...seine Trainervorbilder
“Also als Vorbilder würde ich sie nun nicht ganz bezeichnen – lieber Trainer, die mich auf meinem Weg begleitet und inspiriert haben. Als Trainer musst du deinen eigenen Weg finden. Meine Trainerlaufbahn hat ja schon ganz früh angefangen, eigentlich schon mit 21, aber dann so richtig mit 25. Ich habe früh gemerkt, dass der damalige deutsche Fußball nicht das ist, was ich mir vorgestellt habe und das, wofür ich gerne stehen wollte als Trainer.

Deswegen blieb mir als jungem Trainer kaum etwas anderes übrig, als über den deutschen Tellerrand hinauszuschauen. In den 80ern war da vor allem Arrigo Sacchi mit dem AC Mailand, der damals schon mit kompletter Raumdeckung gespielt hat. Das war etwas anderes als diese für Deutschland typische gegnerorientierter Manndeckung. Sacchi war für mich ein wichtiger Orientierungspunkt.

Und dann gab es noch Valeri Lobanowski, den Trainer von Dynamo Kiew, die in meiner Heimatstadt gegen Viktoria Backnang gespielt haben. Lobanowski hat gezeigt, was es ausmacht, wenn eine Mannschaft wirklich ‘Pressing’ auf den Platz bringt und wie schwer, dass das Spiel für den Gegner macht. Nach diesem Spiel habe ich mir viele Trainingseinheiten von Dynamo angeschaut, wenn sie im Trainingslager in Ruit waren.

Zu diesen zwei Trainern, die meinen Weg auf jeden Fall beeinflusst haben, kommt noch Helmut Groß, mit dem mich bis heute eine enge Freundschaft verbindet. Wir haben in Stuttgart, Hoffenheim und bei RB Leipzig zusammengearbeitet.”

... den oft zitierten "Straßenfußball"
“Der Trainer lässt die Spieler bestimmen, auf welchem Level die einzelnen Komponenten trainiert werden und durch die Regeln „provoziert“ werden! Notwendig und hilfreich ist für den Trainer, dass er weiß, an welchen Schrauben er drehen muss, um „seine“ Spielphilosophie optimal zu entwickeln. Dabei sollte er genau wissen, wo er hin will und besser gar nicht eingreifen als die falschen „Anweisungen“ zu geben! Oder anders gesagt, er sollte sich auf die Spieler, deren Spiellust und Erfolgsgier verlassen. Im Hintergrund kann ja dann analysiert werden. Da kann ein Trainer dann bestimmte Werte festhalten und weiter verfolgen, falls er diese Entwicklung beobachten und fördern möchte.
Der Schlüssel der Beliebtheit des Straßenfußballs liegt in den Variationen, die zum Straßenfußball gehören. Das ganze steht im Motto: „Wiederholen ohne zu wiederholen!“

Alles was fordert und fördert sollte dann herausgeholt werden. Hierzu gehört Spaß, Spielwitz, Dynamik, Leidenschaft und Siegeswillen. Taktik und Strategie ergeben sich nebenbei im Wettkampf. Die Möglichkeiten des Straßenfußballs können mit wissenschaftlichen Mitteln, bis hin zur KI überwacht und begleitet werden. Besser aber, der Trainer kann sich auf seine Erfahrung und ein geschultes Auge verlassen.

Leider sind solche Trainer, die das können, relativ selten und auch nur mit viel Mühe und Geduld auszubilden. Ab und zu gibt es aber Ausnahmetalente, die schnell begreifen und nur Monate brauchen, wofür andere Jahre benötigen.”

... sein unglaubliches Auge für Talente
“Die Frage ist ja, wie und aufgrund welcher Faktoren erkennt man ein Talent. Dazu gehören auch eine gewisse Erfahrung und ein geschultes Auge. Ich möchte das mal am Beispiel Thomas Müller aufzeigen. Als Müller 16 oder 17 war haben nur wenige an seinen Karriereweg geglaubt. Aber jemand wie Helmut Groß oder mittlerweile auch ich, die über Jahrzehnte hinweg Karrierewege von jungen Spielern verfolgt haben, haben eine gewisse Erfahrung, um zu erkennen ob ein 16 oder 17-Jähriger mal das Zeug hat, später eine große Karriere zu starten. Es braucht auf jeden Fall ein geschultes Auge dafür. Bei Thomas Müller, der ja kein richtig guter Techniker oder Feinmotoriker ist, war es damals wie heute so, dass nur gewisse Trainer sehen, welche Stärken er mitbringt.

Eine Einschätzung ist aber immer subjektiv. Die Scouts in den Vereinen müssen früh erkennen, welche positiven Merkmale eines Talents auf die Mannschaft wirken und was aus ihm noch werden kann. Da gehört in erster Linie auch die Mentalität des Spielers dazu. Das ist, wie ich das gerne sage, das Talent der Persönlichkeit. Hier gibt es immer eine Chance auf Verbesserung, siehe das Beispiel Joshua Kimmich. Verantwortliche beim VfB Stuttgart woll mit 18 noch nicht einmal einen Kaderplatz in der zweiten Mannschaft geben wollten – das war der Grund, wieso es überhaupt eine Chance für Leipzig gab, Kimmich für zwei Jahre auszuleihen.”

... warum Talente immer jünger werden
“Natürlich gibt es Möglichkeiten, Spieler mit 15 oder 16 zu erkennen. Vor allem, weil Spieler einen früheren Karrierestart haben. Es ist inzwischen völlig normal, dass ein 17-Jähriger in der Bundesliga spielt, wenn man alleine mal an Jude Bellingham oder Giovanni Reyna bei Borussia Dortmund denkt. Es ist heutzutage nicht mehr ungewöhnlich, dass ein 17-jähriger Topniveau spielt. Es braucht aber halt eben Trainer, die erkennen was ein Spieler mal leisten kann, und die auch den Mut haben, einen jungen Spieler aufzustellen.”
… woher diese Entwicklung kommt
“Das hat sich in den letzten 10-15 Jahren verändert. Ich kann mich erinnern, als damals Mehmet Scholl Spieler bei Bayern München war. Der galt noch mit 25 als Talent. Man muss entscheiden, bis wann ein Spieler noch als Talent gilt. Für mich ist ein Spieler mit 21 kein Talent mehr. Mit 21 ist ein Spieler heute ausgereift. Timo Werner hatte mit 21 schon mehr als 120 Bundesliga-Spiele absolviert. Meiner Meinung nach ist ein Spieler mit 17 noch ein Talent, eventuell noch bis 19, aber danach kann man nicht mehr das Wort Talent benutzen. Denn die jungen Spieler sind heutzutage schon so gut ausgebildet durch die Akademien, dass sogar ein 17-Jähriger, wenn er körperlich völlig ausgewachsen ist, alle Voraussetzungen mitbringen kann, um ein vollendeter Spieler zu sein. Wenn man sich Bellingham oder Reyna mal auf dem Platz ansieht, sieht man Vollprofis. Das sind Athleten, die alle Anforderungen erfüllen und nur noch Trainer brauchen, die sie weiterentwickeln und ihnen vor allem die Chance geben, regelmäßig zu spielen. Diese Entwicklung hat schon in den letzten 10-15 Jahren stattgefunden. Der Fußball ist zu einer ganz anderen Sportart geworden. Wenn man sich nur mal die Zahl der gelaufenen Meter, vor allem der Sprints, anschaut, dann sieht man, dass der Fußball sich völlig verändert hat. Das bedeutet eben auch, das man den Wert der jungen Spieler, die diese körperlichen Voraussetzungen für den schnelleren Sport mitbringen, erkannt hat. Es ist nicht mehr wie vor 20 Jahren, als man dachte: “Ach, ja, der brauch jetzt erstmal Zeit. Der muss langsam herangeführt werden. Die älteren Spieler müssen es ihm erstmal beibringen wie der Beruf richtig funktioniert”. Vor 20 Jahren war ein 19 oder 20-Jähriger, der in der Bundesliga gespielt hat, eine absolute Ausnahme.”
… welche Rolle das Taktikverständnis heute spielt
“Taktikverständnis braucht vor allem erstmal der Trainer. Der muss entscheiden, wie er spielen lassen will. Die Spieler sind durch den Beruf des Fußballprofis, den sie an den Akademien gelernt haben, eigentlich vollständig ausgebildet. Dieser Lehrberuf des Fußballprofis, den es vor 20 Jahren noch gar nicht gab, entstand ja eigentlich erst mit den Akademien zur Jahrtausendwende. Heutzutage kriegt kein Profiverein mehr eine Lizenz ohne eine Akademie mit mindestens zwei hauptamtlichen Fußballlehrern. Und so kann man den Beruf des Fußballprofis von jung an erlernen.

Es ist heute eigentlich absolute Seltenheit, dass ein Spieler in der Bundesliga Karriere macht, wenn er nicht schon mit 13 bei einem der Bundesligavereine gespielt hat. Wenn man sich die deutsche EM-Mannschaft von 2016 anschaut, dann gab es nur einen einzelnen Spieler, der seine Jugend nicht bei der Akademie eines Profiklubs durchlaufen hat und dies war Jonas Hector. Das zeigt ja, dass der Beruf der Fußballprofis, inklusive dem Wissen “Wie ernähre ich mich? Wie lebe ich? Auf welche Faktoren kommt es an?”, zu einem Ausbildungsberuf geworden ist. Deswegen ist es eigentlich klar, dass ein 17-Jähriger, soweit er die richtige Mentalität hat und auf alles, was er gelernt hat achtet, bereit ist für Bundesliga-Fußball. Ob diese jungen Spieler später die Chance kriegen liegt daran, ob die Trainer den Mut haben, sie spielen zu lassen.

In Deutschland ist es schon so, das viele junge Spieler spielen dürfen. Schwieriger ist es für junge Spieler in Italien, da hier noch oft Ex-Profis die Trainer sind und diese ihre Jugendspieler so sehen wie sie damals selber ausgebildet worden sind. Das ist natürlich heute nicht mehr realistisch. Deshalb ist es leider in Italien auch selten, dass ein 19 oder 20-jähriger Stammspieler ist. Meistens spielen sie nur in den kleineren Vereinen. In den Top-Ligen der Welt ist es so, dass in Deutschland die größte Anzahl von jungen Spielern debütieren. In England werden es jetzt mehr, vor allem dank den ausländischen Trainern bei den Top-Klubs.

Es gibt dazu noch eine ganz interessante Geschichte: von den acht Mannschaften im Viertelfinale der Champions League 2018 hatten 180 von den 200 Spielern mit 17 Jahren bereits ausschließlich Männer Fußball gespielt und waren nicht mehr in Jugendmannschaften, obwohl sie theoretisch noch zwei Jahre in der U19 hätten spielen dürfen. Dies bestätigt das, was ich gesagt habe: Der Verein muss dafür sorgen, dass diese Ausnahmetalente mit 17 schon Männerfußball spielen können.”

Teil 2: Das  Gespräch mit Ralf Rangnick finden sie hier auf unserem Blog!

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