Artikel von Oskar Beck

Diese Geschichte und mehr finden Sie im neuen Sportbuch „TOR IN STUTTGART

 

Guido Buchwald: „Hallo, Diego!“

Guido Buchwald hat die Blauen in Degerloch und die Roten in Cannstatt stolz gemacht. Seit dem 8. Juli 1990 trägt er den Künstlernamen „Spätzles-Maradona“ – denn im WM-Finale in Rom hat er den echten Maradona verfolgt und in den Wahnsinn getrieben, bis der Argentinier stöhnte: „You again? Du schon wieder?“

Die Saturn V war die Startrakete bei den Apollo-Flügen auf den Mond, und die Gefühle, die sie damals ausgelöst hat, ähneln denen jedes fußballverrückten Buben – denn auch dessen Träume erfüllen sich dreistufig.

“Zunächst einmal“, erinnert sich Guido Buchwald an seine Kindheit als Dreikäsehoch in Walddorfhäslach, “träumst du davon, Profi zu werden. Danach willst du Nationalspieler werden. Und dann Weltmeister.” Der strebsame Schwabe hat sogar noch die vierte Stufe geschafft: Am Ende nannten ihn alle Diego.

Doch bevor wir hier erzählen, wie Buchwald sich seinen Traum erfüllt hat und zum „Spätzles-Maradona“ wurde, haken wir erst einmal die Kehrseite ab: den Albtraum des echten Diego. Am 8. Juli 1990 im WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien im Olympiastadion in Rom ist er dem Göttlichen widerfahren, und von Minute zu Minute wurde die Qual unerträglicher. “Am Anfang war er noch gut drauf“, weiß Buchwald, “aber dann wurde er immer gereizter.”

Diego Maradona wurde zum Opfer der üblen Laune. Der Argentinier war der größte Fußballer seiner Zeit, trotz seiner nur Einssiebzig mit Stollen, doch im Lauf des Spiels, berichtet sein schwäbischer Peiniger, “ist er immer kleiner geworden.” Und irgendwann, nach einem weiteren verlorenen Zweikampf, hockte der entzauberte Magier am Boden, schüttelte den Kopf – und nie, grinst Buchwald, wird er diesen Anblick vergessen, als der kleine, große Gaucho sein komplettes Englisch zusammenklaubte und resignierend zu ihm hochstöhnte: “You again?” Du schon wieder?

Mehr Kapitulation geht nicht. Kampfunfähiger hat auch Joe Frazier nicht dreingeschaut, als er anno `75 beim „Thrilla in Manila“ gegen Muhammad Ali auf seinem Pausenhocker sitzenblieb. Doch der Ritterschlag, lacht Buchwald, war dann vollends, “als der ARD-Reporter Rubenbauer im Fernsehen rief: Unser Diego!“

Der wahre Urheber des Kosenamens war allerdings, Ehre, wem Ehre gebürt, ein anderer Bayer: Klaus Augenthaler, der deutsche Abwehrchef. Vor der WM damals, im Trainingslager, schlenzte Buchwald dem einmal den Ball filigran durch die Beine, und Augenthaler blieb die Spucke weg, und er schrie: “Hallo, Diego!“ Durch das WM-Finale, sagt Buchwald, habe sich das geflügelte Wort “dann vollends verfestigt“ – und wenn er heute, ein halbes Leben später, in Stuttgart spazieren geht, kommt es vor, dass von der anderen Straßenseite wildfremde Menschen rufen: “Hallo, Diego!”

“Verdammt lang her” kann man da mit Wolfgang Niedecken und BAP nur singen, doch Buchwald sieht immer noch aus wie damals in Rom – fit wie ein Turnschuh kommt er daher, beim Aufstehen braucht er noch keinen Kran, man muß ihm noch kein Affenblut und keine Ameisensäure gegen die Gicht spritzen, er riecht nicht ranzig, wirft keine Falten und steht glaubhaft Modell für die These in `Wikipedia`: “Er gilt als einer der besten Defensivspieler der deutschen Fußballgeschichte.”

Auf jeden Fall ist Buchwald einer der ewigen Volkshelden des deutschen Fußballs, seit er den Größten zum laufenden Meter schrumpfen ließ. Auch sein Gedächtnis ist noch bestens intakt, und die Erinnerungen an das damalige WM-Camp des DFB in Erba am Comer See: „Es war wie ein Schlössle, und mein Zimmer würde ich heute noch finden, Nummer 14. Auch die Stimmung war klasse, der Teamchef hat uns an der langen Leine geführt. Gehts ruhig mal raus, hat der Franz gesagt. Das Essen beim Italiener im Dorf, der schöne See, das tolle Wetter, wir haben alles genossen.“

Vor allem er.

Bis dahin galt Buchwald als langer Eckiger und als nimmermüdes Laufwunder, rustikaler Ärmelhochkrempler, Wachhund, Wasserträger, Balleroberer und Zerstörer, notfalls hätte er auch einen Flugkopfball gegen die Bordsteinkante gemacht, aber er konnte wesentlich mehr. Einmal, als gegen Holland das deutsche WM-Glück auf des Messers Schneide stand, tauchte er plötzlich im gegnerischen Strafraum auf. Gleich bricht er sich das Bein, dachten alle, doch stattdessen: Übersteiger, Zuckerpass zu Jürgen Klinsmann, einsnull.

Der Blaue zum Blauen, jubelte daheim ganz Degerloch, während Cannstatt stolz war auf seine VfB-Helden. Klinsmann war mittlerweile zwar bei Inter Mailand tätig, aber das Tor schoss er als Schwabe. Und Buchwald machte im Endspiel dann Maradona platt und wurde zum besten Sechser der Welt. “Guido war der wichtigste Spieler des Turniers”, sagte Beckenbauer, “er war sieben Mal Weltklasse.”

Ausgerechnet Buchwald. Vier Jahre zuvor, vor der WM 1986, hatte der Teamchef den Schwaben in der Sportschule Kaiserau im letzten Moment aussortiert. “Als er auf mein Zimmer kam, ist die Welt in mir zusammengebrochen”, erinnert sich der Verschmähte. “Man hört da gar nicht mehr zu, man ist einfach nur fertig.”

Hat Beckenbauer es später bedauert?

“Seine Frau hat zu meiner jedenfalls einmal gesagt: Es tut dem Franz leid.”

Heute kann Buchwald darüber lachen. Das Glück hat bei ihm halt vier Jahre länger gebraucht – aber nach dem Finale in Rom hat er sich bei Beckenbauer dann doch mit dem neckischen Piekser revanchiert: “Weltmeister hättest Du mit mir auch 1986 schon werden können.“

Ja, sie hätten ihn schon da dringend gebraucht, in jenem ersten WM-Finale gegen Argentinien in Mexiko City. Denn Maradona war zu der Zeit schier unbremsbar mit dem Allmächtigen im Bunde, der hielt die “Hand Gottes” über ihn, und ein Kritiker schwärmte: “Er ist der Picasso unter Anstreichern.” Entsprechend endete das WM-Finale: Maradona zu Burruchaga, 2:3, kurz vor Schluss, ins Messer sind die Deutschen gelaufen. „Wir hätten einfach in die Verlängerung gehen und dort unsere körperlichen Vorteile ausspielen sollen”, ärgert sich Vorstopper Karlheinz Förster als VfB-Beteiligter heute noch. Aber noch besser wäre es gewesen, Buchwald schon damals dabei zu haben.

Noch ein zweites Mal ist Maradona dem Zugriff Buchwalds glücklich entkommen, 1989 im UEFA-Cupfinale zwischen dem VfB und Neapel. Im Hinspiel sah Buchwald gelb und war im Rückspiel gesperrt. Aber im Jahr darauf, beim WM-Finale in Rom, war das Glück des Argentiniers aufgebraucht. „Dein Mann ist die Nummer 10”, sagte Beckenbauer vor dem Spiel zu Buchwald. Und basta.

Für Maradona war es ein grausamer Tag. Mehr als 30 000 deutsche Schlachtenbummler schlängelten sich in Karawanen über die Alpen, und im Olympiastadion in Rom gesellten sich dazu noch die einheimischen Tifosi, denn die Argentinier hatten im Halbfinale die Träume der Italiener zerstört. Buchwald: “Auf dem Weg ins Stadion hingen überall deutsche Fahnen aus den Fenstern”. Das Publikum stand unter Starkstrom, als gelernter Elektriker weiß Buchwald, wovon er da spricht – aber vor allem er war heiß. “Es war”, sagt er, “das wichtigste Fußballspiel meines Lebens. Vizeweltmeister war Deutschland oft genug geworden, das musste nicht wieder sein.”

Also hat er Maradona aus dem Spiel genommen, der beste Fußballer der Welt konnte sein würziges Süppchen nur auf Sparflamme kochen. Und Andy Brehme, der spätere Co-Trainer des VfB, erledigte per Elfmeter vollends den Rest. Nur einen Zweikampf hat der glorreiche Guido an dem Abend verloren, den gegen Frank Mill, der sich nach einem Sprint von der Ersatzbank Maradonas Trikot schnappte. Für Buchwald blieb als Skalp das Hemd von Jose Basualdo, seinem damaligen Mittelfeldkumpel beim VfB.

Wo ist das heute?

“Ich weiß nicht, vielleicht in einem Koffer auf der Bühne.“

Und Ihre Endspielstiefel, die Großes vollbrachten: Im Museum?

“Keine Ahnung”, sagt Buchwald.

Ach, was könnte er ohne seine falsche Bescheidenheit für heldenhafte Geschichten erzählen. Aber als stiller Schwabe und leiser Genießer hat er sich nie ein Schild vor die Brust gehängt, auf dem steht: Guido Buchwald, Weltmeister. Nach dem Finale ist aber auch er kurz steil gegangen, “da haben wir in Rom die Nacht zum Tag gemacht, und unsere Frauen mussten schauen, dass wir morgens den Bus zum Flughafen nicht verpassten.” Das große Gefühl, Geschichte geschrieben zu haben, möchte Buchwald nicht missen – aber eine Zeit lang, sagt er, war sein Kampf gegen den Ruhm nicht viel einfacher als sein Zweikampf mit Maradona.

“Man ist Weltmeister und steht voll im Focus. Vorher war man ein normaler Mensch, der Jeans trug, und plötzlich wird man genau beobachtet: Was hat er an? Ich konnte mich nicht mehr frei bewegen.” Einmal, er vergisst es nie, ging er mit der Frau und den Söhnen Yannick und Julian auf der Königstraße in Stuttgart spazieren. Autogrammjäger bestürmten ihn, und er schrieb und schrieb – bis dem kleinen Julian irgendwann der Kragen platzte: “Du bist doch mein Papa”, rief der Bub zornig, “und nicht der Papa von denen!”

Aber so ist das halt, wenn der Papa auf dem Mond des Fußballs landet, plötzlich Weltmeister ist und alle Diego sagen. Als deutscher A-Jugendmeister mit den Kickers war Buchwald noch einfach der Guido, aber am Ende hat er alle vier Stufen gezündet und ist mit dem VfB nicht nur 1984 Deutscher Meister geworden, sondern hat die Roten in der letzten Minute der Saison 91/92 in Leverkusen auch nochmal persönlich zum Titel geköpft. Als abschließende Stufe fehlt jetzt nur noch ein Bildhauer, der in sein Denkmal die passenden zwei Worte hineinmeißelt: „Hallo, Diego!“

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