Football Engineering für die Welt

Fußball-Kompetenz – exportiert direkt aus Baden-Württemberg

Von Hans Gäng | Edit Luca Wodtke.

Globale Trends genau beobachten, Menschen für Neues motivieren, internationale Talente einbinden – Fußballtrainer aus Baden-Württemberg stehen vor den gleichen Herausforderungen wie Unternehmen im Bundesland. Trainer von hier waren und sind international orientierte, innovative Ingenieure des Sports.

Die Fußballausbildung “made in Baden-Württemberg” beginnt in Mannheim. Die Industriestadt war die erste Heimat des Sports. Aus dem Arbeitervorort Waldhof stammt der erste deutsche Weltmeistertrainer: der legendäre Sepp Herberger. Sein Co-Trainer Albert Sing kommt aus der württembergischen Industriestadt Eislingen.

In und um Mannheim wächst die Granitgarde des deutschen Abwehrfußballs heran: Uli Stielike, Jürgen Kohler, die Brüder Bernd und Karl-Heinz Förster. Allesamt eigensinnig, taktisch diszipliniert und von hoher Intelligenz im direkten Duell – lange Zeit der Schrecken der Gary Lineker’s dieser Welt. 

Mannheimer Trainer nutzten dieses Spielermaterial und fanden im Ausland Anerkennung. Gernot Rohr war ein erfolgreicher Spieler in Bordeaux. Als Trainer entwickelte er den jungen Bixente Lizarazu und Zinedine Zidane zu einer Weltklassemannschaft. Klaus “Schlappi” Schlappner, Trainer von Waldhof Mannheim, baute 1992 als Nationaltrainer und Berater den chinesischen Fußball mit auf und half, eine Profiliga im Iran zu etablieren.

Nach seiner großen Spielerkarriere bei Borussia Mönchengladbach und Real Madrid wurde Uli Stielike erster Trainer bei Waldhof und war Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Später trainierte Stielike die Elfenbeinküste – und von 2014 bis 2018 bereitete er als Trainer von Südkorea das Ausscheiden der deutschen “Mannschaft” bei der WM in Russland gründlich vor.

Damit endete eine glorreiche Epoche des Offensivfußballs, die der Stuttgarter Bäckersjunge Klinsmann mit seinem kalifornischen Geist bei der WM 2006 in die deutsche Nationalmannschaft brachte. Die Baden-Württemberger waren mächtig stolz auf ihn und seinen Co-Trainer, den Südbadener Joachim “Jogi” Löw.

Zwei Dinge haben den baden-württembergischen Fußball schon immer geprägt. Erstens: die scharfe regionale Rivalität der badischen Vereine aus Mannheim, Freiburg, Karlsruhe und Hoffenheim mit dem schwäbischen Club aus der Landeshauptstadt, dem VfB Stuttgart. Und zweitens: der ewige und unerfüllte Traum des VfB vom erfolgreichen Vorwärtsfußball. 

Der Karlsruher SC lieferte den Bayern gerne seine besten Talente über die A8 – vorbei an Stuttgart. Trainer Winfried Schäfer aus Ettlingen entdeckte die wilden Oliver Kahn und Mehmet Scholl. Später wurde Schäfer 2002 Nationaltrainer von Kamerun und gewann die Afrikameisterschaft. Er war als Vereinstrainer in den Emiraten tätig, trainierte dann die Nationalmannschaften von Thailand und Jamaika

Die vielleicht beste VfB-Mannschaft gründete sich 1984 auf eine starke Abwehr. Die Gegner brachten die jungen Spieler Guido Buchwald, Günther Schäfer und die Mannheimer Förster-Brüder zur Verzweiflung. Ohne den ordentlichen, ruhigen Weltmeister Guido “Diego” Buchwald hätte Stuttgart 1992 wohl kaum die Meisterschaft gewonnen. Als Trainer brachte Buchwald den Urawa Red Diamonds im fernen Japan bei, wie man klugen, defensiven Fußball spielt.

Fast in Vergessenheit geraten, wurde der ewige Stuttgarter Traum vom fliegenden Stürmerfußball endlich wahr, als Vereinstrainer Joachim Löw das “magische Dreieck” des VfB formte: Giovane Elber, Fredi Bobic und Krasimir Balakov. Später, nach vielen Trainerwechseln, träumte man in der Stadt davon, dass die “jungen Wilden”, die Manchester United geknackt hatten, sich dauerhaft an der Spitze der Bundesliga etablieren könnten. Doch schon bald nach der Meisterschaft 2007 folgten Abstieg und Wiederaufstieg.

Als letzter in einer Phalanx von Trainern versuchte der in Stuttgart geborene Türke Tayfun Korkut, das Hauptproblem des VfB Stuttgart zu beheben: die Abwehr. Der ehemalige Nationalspieler der Türkei begann seine internationale Spielerkarriere in Ruit und bei den Stuttgarter Kickers. Außerdem arbeitete er als Assistenztrainer für die türkische Nationalmannschaft. Doch wie immer musste er gehen, weil er den Traum vom Vorwärtsfußball nicht erfüllte. 

Westlich des Schwarzwalds hat ein Trainer gezeigt, dass Erfolg auch etwas mit Bescheidenheit und Kontinuität zu tun hat. Während der VfB Stuttgart seit 1991 27 Trainer zerstört hat, saßen beim SC Freiburg im gleichen Zeitraum nur vier Trainer auf der Bank. Einer von diesen vier war Volker Finke. Über 15 Jahre holte Volker Finke aus dem, was beim kleinen SC Freiburg finanziell möglich war, das Maximum heraus. Seine Markenzeichen: ein Ohrwurm, gut organisierter Individualismus als Strategie und demonstrative Abgeklärtheit.

Sein Nachfolger Christian Streich ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Lokalmatador: Mit seinem starken alemannischen Dialekt und seiner Leidenschaft verkörpert er den regionalen Geist der Eigenständigkeit – auch abseits des Platzes ist Streich ein selbstbewusster Bürger.

Im Westen, an der Autobahn zwischen Stuttgart und Mannheim, ereignete sich vor einigen Jahren ein kleines Fußballwunder: der Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim zu einem Spitzenverein der Bundesliga. SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp, selbst einst Spieler, programmierte den Verein mit zwei Dingen auf Erfolg: der Investition in eine europaweit beachtete Jugendarbeit und einem Trainer namens Ralf Rangnick.

Pep hier, Guardiola da: Rangnick kann als einer der Erfinder des modernen europäischen Systemfußballs gelten. Der “Professor” aus Backnang hatte schon immer eine Vorliebe für ausgefeilte Kreidezeichnungen. Mit dem SSV Ulm schaffte er den Aufstieg von der dritten in die erste Liga. Auch mit Hoffenheim, RB Salzburg und RB Leipzig realisierte Rangnick erfolgreiche Fußballexperimente: die Schaffung von Spitzenklubs aus dem Nichts.

Übrigens kreuzte schon in Ulm ein sehr gelehriger Schüler Rangnicks Weg: Thomas Tuchel – heute PSG-Trainer – machte als Spieler in Rangnicks System eine glänzende Figur in der Ulmer Abwehr. Danach coachte Tuchel mehrere Jugendmannschaften des VfB Stuttgart, die die deutsche Meisterschaft gewannen. Über die Stationen Mainz 05 und Borussia Dortmund wurde er dann zum Trainerstar. 

Mit Jürgen Klopp kommt ein weiterer internationaler Top-Trainer aus Baden-Württemberg. Die Balance aus heißer Leidenschaft und eiskalter Taktik machte ihn zu einer globalen Marke. Die ersten Jahre spielte der in Stuttgart geborene Klopp in kleinen Dorfvereinen im Schwarzwald.

Zu Klopp, Rangnick und Tuchel gesellen sich zwei Jungstars: Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco. Mit gerade einmal 25 Jahren begann Nagelsmann seine erfolgreiche Trainerkarriere in Hoffenheim. Bald wurde er von den Top-Klubs in ganz Europa umworben. Er hat sich für Ralf Rangnick in Leipzig entschieden, wo er in der nächsten Saison deren durchdachte Pläne umsetzen will.

Und der Traditionsverein Schalke wird von Domenico Tedesco, einem schwäbischen Italiener, trainiert. Der Sohn kalabrischer Einwanderer wuchs in Esslingen auf und hat zudem einen Master in Innovationsmanagement. 

Die Champions League 2018/19 ist spannend, denn nun spielen fünf Fußballingenieure mit baden-württembergischem Hintergrund gegeneinander. Wessen Blaupause ist die beste für den Erfolg?

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